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Eine Frage der Haltung : Punk rockt

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An der Spitze der apolitischen Punks: Designerin Vivienne Westwood Bild: AP

Aggressiv, hässlich, laut: Punks schrieen ihren Protest gegen die Konventionen so laut in die Welt hinaus, dass sie niemand ignorieren konnte. In ihrem dreißigsten Jahr scheint die Bewegung nur noch in der Mode lebendig zu sein. Ein Plädoyer für mehr Punk von Katja Eichinger.

          Punk. Ich hatte keine Ahnung, was das war. Ich war achtzehn, ich lebte in Kassel, und ich wollte weg. Ich ging nach London, und mit einem Schlag war ich mittendrin. Silvesternacht 1990, vor dem Eingang des Londoner Nachtclubs „Slimelight“. In einer finsteren Hinterhofgasse steht eine Menschenschlange. Im Gegenlicht der Funzelbeleuchtung schillern grüne, rote und neongelbe Irokesen, die wie Pfauenräder auf den kahlrasierten Glatzen in die Luft ragen.

          Fast alle tragen Motorradlederjacken, die mit Bandnamen wie „The Exploited“, „The Damned“ oder „The Clash“ bemalt sind. Manche haben sich auch ein Anarchiezeichen oder „FOAD“ (kurz für „fuck off and die“) draufgesprüht. Man sieht viele Hundehalsbänder, schwarze Lederriemen um Handgelenke und Arme, zerschlissene und abgeschnittene Hochzeitskleider, Tätowierungen aller Art und viel, viel Metall in den Ohren, Lippen und Nasen.

          Transvestit im PVC-Minirock und mit Militärmütze

          John, der neben mir eine Dose Bier trinkt und mit seinem Nasenring spielt, hätte heute gerne sein „Dead Kennedys“-T-Shirt angezogen. Aber leider habe ich es mit meinen roten Socken in die Waschmaschine (an sich schon ein spießiges Gerät!) gesteckt, und jetzt ist das T-Shirt rosa und John schlecht gelaunt.

          Erinnerungen in London: „God Save The Queen - Sex Pistols”

          Vor uns in der Schlange balanciert ein Transvestit im schwarzen PVC-Minirock und Militärmütze auf gefährlich hohen Pfennigabsätzen. Hinter uns hält ein Goth- beziehungsweise Gruftie-Pärchen Händchen. Sie steckt in zerrissenen Netzstrümpfen und Latexbustier, er in hautenger Lederhose, alles in Schwarz natürlich. Beide reden ununterbrochen. Das ist untypisch für Goths, die bei Partys sonst immer apathisch in der Ecke stehen, damit auch ja ihr Make-up nicht verschmiert. Demnächst wollen sie heiraten. Eine satanische Hochzeitszeremonie ist geplant, am Ende werden sie sich gegenseitig Asche übers Haupt schütten. Keine Frage, die beiden sind auf „E.“. Chemisch induzierte Euphorie. Endlich werden auch wir in den Club eingelassen.

          Viel witziger, viel aufregender, viel wilder als Techno

          Was ich damals nicht wusste: 1990 war Punk schon tot. Clubs wie „Slimelight“, wo sich Punks mit Goths vermischten, gab es zwar noch, aber sie waren die letzten Ausläufer einer müde gewordenen Jugendbewegung. 1990, da lag nicht Punk in der Luft, sondern die „shut up and dance“-Ekstase der Techno Raves. Die Kinder der Ära Thatcher (in Deutschland Kohl) konnten mit Punk nichts anfangen. Für sie war Hedonismus angesagt, die synthetische Glücksdroge Ecstasy war auf dem Vormarsch und Punk nicht mehr als ein postmodernes Zitat.

          Trotzdem hatte Punk für uns einen unwiderstehlichen Reiz, denn Punk war viel witziger, viel aufregender, viel wilder als Techno. Techno fühlte sich schon damals an wie Gleichschaltung. Punk dagegen erschien uns als Befreiung. Für John, den man mit acht Jahren mit Hilfe eines Hochbegabtenstipendiums in ein Eliteinternat gesteckt hatte, war es Befreiung von einem System, das nur Unterwerfung zugelassen hatte. Für mich war es Befreiung von der Enge der hessischen Provinz, von Schubladendenken und dem vielgepriesenen „gesunden Menschenverstand“.

          Die Monster-Kinder der Hippie-Generation

          Erst später begriff ich, dass meine Faszination mit Punk ähnlich motiviert war wie die frühe Punk-Bewegung Mitte der siebziger Jahre. Zentrales Thema der ersten Punks war Wut. Wut auf das bürgerliche Establishment, Wut auf die Klassengesellschaft, Wut auf die friedfertigen Hippies, die mit ihren Endlosdiskussionen alles zerredet und nichts erreicht hatten. Und diese Wut kristallisierte sich in der Musik. Als die „Sex Pistols“, die erste britische Punk-Band, am 7. Juni 1977 auf einem Boot die Themse hinunterfuhren und das fünfundzwanzigste Thronjubiläum von Elizabeth II. damit feierten, dass Johnny Rotten sang „God Save the Queen, the Fascist regime, there's no future and England's dreaming!“ war das eine Frontalattacke auf die Leitplanken der englischen Gesellschaft.

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