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„Die Sopranos“ : Die Mafia trägt Morgenmantel

  • -Aktualisiert am

In Amerika sind „Die Sopranos“, eine der erfolgreichsten Serien aller Zeiten, in ihre letzte Runde gegangen. Hierzulande sind sie gescheitert - ein Skandal mit Gründen. Eine Hommage von Tilmann Lahme - und ein Plädoyer für die DVD.

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          „Dad, bist du eigentlich in der Mafia?“ „Das ist doch Blödsinn - wir sind eine ganz normale Familie, so wie unsere Nachbarn, die Cusamanos.“ „Finden die Cusamano-Kinder auch 50.000 Dollar in Gold und 45er-Automatik-Pistolen, während sie Ostereier suchen?“ Der Zweifel nagt an der Sechzehnjährigen, und bald erreicht sie Gewissheit: Ihr Vater ist nicht „Berater in der Abfallbranche“, sondern Mafiaboss von New Jersey. Was sie und ihren jüngeren Bruder nicht daran hindert, die Eltern mit den üblichen Problemen zu traktieren: Aufsässigkeit, schlechte Noten, falsche Freunde, Drogen- und Alkoholexperimente. Kein Wunder, dass Tony Soprano deprimiert ist, unglücklich und genervt von familiärem Ärger und den auf Treue abzielenden Ansprüchen seiner Frau, und auch die Freude an seiner „Arbeit“ hat er verloren. Schließlich bricht er zusammen. Panikattacke, so die Diagnose, eine Therapie ist nötig.

          So sitzt er also, dick und gefährlich, in der Praxis der Psychiaterin Dr. Melfi, die, wie nahezu jeder in New Jersey, weiß, wen sie vor sich hat. Ein Mafioso auf der Therapiecouch. Auf dieser Grundidee basiert jene Serie, die zu Spitzenzeiten 18 Millionen Zuschauer in Amerika sahen, die mit Preisen überhäuft (18 Emmy-Awards und fünf Golden Globes bisher) und von vielen Kritikern als die großartigste in der Fernsehgeschichte angesehen wird. Zu den wirtschaftlich erfolgreichsten gehört sie in jedem Fall: Allein die Vergabe der Rechte, Wiederholungen der „Sopranos“ auszustrahlen, soll dem Sender HBO 215 Millionen Dollar eingebracht haben. In Deutschland jedoch sind „Die Sopranos“ nur auf DVD ein Erfolg. Im Fernsehen wurden sie rasch in die Nacht verschoben und dann aus dem Programm genommen.

          Amerikanische Verwandte der Buddenbrooks

          Der Vater des amerikanischen Erfolgs heißt David Chase. Der Drehbuchautor und Regisseur schuf eine filmische Erzählung, die er konträr zu den herkömmlichen Erfolgsrezepten konzipierte - entsprechend schwer fiel es ihm vor Jahren, seine Idee an einen Sender zu bringen. Kaum eine Figur ist attraktiv, weniger noch sind sie sympathisch, laden ein zur Identifikation. Es geht nicht um Gut gegen Böse, sondern um den Widerstreit von Gut und Böse innerhalb der Menschen, wobei das Böse, Niedrige zumeist die Oberhand behält - wenig verwunderlich bei einer Mafiaserie, aber suggeriert wird: Es gilt überhaupt. Das eigentliche Thema ist aber nicht das Verbrechen, sondern die Familie - die Sopranos sind amerikanische Verwandte der Buddenbrooks, eine funkelnde Satire auf die moderne westliche Welt. Das wirklich Böse hat nicht den Finger am Abzug, sondern haust in der Einfamilienidylle mit Doppelgarage.

          Bereits nach wenigen Folgen weiß man einiges über den brutalen, verschlagenen, aber gelegentlich durchaus charmanten Mafiaboss, brillant gespielt von James Gandolfini, der sich die in der Rolle angelegte zunehmende Verfettung Tonys teuer bezahlen ließ, zum Schluss mit einer Million Dollar pro Folge. Er hat Probleme mit seiner Familie ebenso wie mit seiner „Familie“, die schlimmsten mit seiner abgrundtief bösartigen Mutter. Auch persönlich ist er bald als Mörder aufgetreten, ohne dass man ihm, erschreckenderweise, alle Sympathien entzieht. Gerade aus der Ambivalenz des Mannes, der in der Therapie mit dem Dämon der übermächtigen Mutter ringt und wenig später kaltblütig einen Mord begeht, zieht die Serie ihre Stärke.

          Dr. Melfi bleibt ungerächt

          Auch von den Mitteln des filmischen Erzählens gehen „Die Sopranos“ über die herkömmliche Serie weit hinaus. Kontinuierliches Sehen ist erforderlich - wohl einer der Gründe für den mangelnden Fernseherfolg hierzulande -, da keine kleinen, in sich geschlossenen Filme, sondern eine fortlaufende Geschichte inszeniert wird. Wer nur eine Folge versäumt, verpasst Entwicklungen und verliert Erzählfäden, die später wiederaufgenommen - oder bewusst vernachlässigt werden. In der dritten Staffel zum Beispiel wird die sympathische Dr. Melfi, gespielt von Lorraine Bracco, vergewaltigt. Der Täter ist bald verhaftet, muss aber wegen eines Verfahrensfehlers laufengelassen werden. Rachegelüste kommen auf. Doch Melfi ist zwar versucht, aber stärker als wir zuschauenden Eiferer, sie erzählt Soprano von einem Autounfall. Auf das ungesühnte Verbrechen wird später immer wieder angespielt, doch es kommt nicht zum Erwarteten: dass Tony es herausfindet und seine Therapeutin rächt.

          Der größte Kunstgriff der „Sopranos“ besteht in der Behandlung der Charaktere. Weder bleiben die Figuren, wie serienüblich, statisch, noch gibt es eine Art Entwicklungsroman hin zu einem neuen, reiferen, besseren Zustand. Niemand ist hier nur gut und liebevoll - oder nur böse und gemein. Noch der geringste Mörder hat seine großzügigen Momente, etwa als liebevoller Vater, und selbst der treueste Anhänger Tonys, seine rechte Hand Sil, grandios bucklig gespielt vom E-Street-Band-Gitarristen Steven van Sandt in seiner ersten Schauspielrolle, hintergeht ihn, wenn er sich zurückgesetzt fühlt. Dieser sezierende Umgang mit den Charakteren führt zugleich zu den gelegentlich schwachen Phasen der Serie.

          In der nun erscheinenden sechsten Staffel wird Tony Soprano angeschossen und ringt mit dem Tod. Lange, symbolüberladene Traumsequenzen, die uns zeigen sollen, was aus ihm geworden wäre, hätte er sich nicht der „Familie“ angeschlossen, beweisen nichts deutlicher, als dass er uns dann nicht interessiert hätte. Und auch auf Empathie setzt man vergebens: Die Sorgen der Familie um den Vater, über mehrere Folgen ausgewalzt, berühren kaum. Die verdeckten Machtkämpfe um die Nachfolge des vielleicht Sterbenden gleichen diese Längen wieder aus. In steter Unruhe hält einen zudem der Verschleiß an wichtigen Figuren: Niemand scheint sicher davor, im nächsten Moment zu verschwinden.

          Heinrich VIII. folgt den „Sopranos“

          Lächerliche und dennoch berührende Charaktere, subtile Anspielungen, meist aus der Welt der großen Filme, allen voran „Good Fellas“ und „Der Pate“, und vor allem eine böse, ironische Interpretation der westlichen Welt - Tonys Sohn lernt, als er seine Freundin besucht, deren Vater die „späten Sachen“ von Picasso sammelt: Wirklich reich wird man nicht in der Mafia, sondern an der Börse: Warum nun aber funktioniert diese großartige Serie nicht bei uns im Fernsehen? Viel hängt wohl an der Synchronisation: Das überaus Sprachbewusste der „Sopranos“ geht verloren - auf DVD sollte man unbedingt, wenn auch mit Untertitel zum Slangverständnis, auf Englisch schauen.

          Vielleicht ist die Komplexität der filmischen Erzählung aber schlicht für uns, die wir herausfordernde Lektüren gewohnt, aber beim Film eher von Hollywood und deutschem Fernsehen sozialisiert sind, überfordernd. Wenn daran etwas Wahres sein sollte, kommt hier der nächste Schlag aus der amerikanischen Fernsehwelt: Bei HBO soll nun, da „Die Sopranos“ ihrem Ende entgegeneilen, ein ureuropäischer Stoff für Quoten sorgen: „Tudors“, eine Serie über Heinrich VIII.

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