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„Die Sopranos“ : Die Mafia trägt Morgenmantel

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Auch von den Mitteln des filmischen Erzählens gehen „Die Sopranos“ über die herkömmliche Serie weit hinaus. Kontinuierliches Sehen ist erforderlich - wohl einer der Gründe für den mangelnden Fernseherfolg hierzulande -, da keine kleinen, in sich geschlossenen Filme, sondern eine fortlaufende Geschichte inszeniert wird. Wer nur eine Folge versäumt, verpasst Entwicklungen und verliert Erzählfäden, die später wiederaufgenommen - oder bewusst vernachlässigt werden. In der dritten Staffel zum Beispiel wird die sympathische Dr. Melfi, gespielt von Lorraine Bracco, vergewaltigt. Der Täter ist bald verhaftet, muss aber wegen eines Verfahrensfehlers laufengelassen werden. Rachegelüste kommen auf. Doch Melfi ist zwar versucht, aber stärker als wir zuschauenden Eiferer, sie erzählt Soprano von einem Autounfall. Auf das ungesühnte Verbrechen wird später immer wieder angespielt, doch es kommt nicht zum Erwarteten: dass Tony es herausfindet und seine Therapeutin rächt.

Der größte Kunstgriff der „Sopranos“ besteht in der Behandlung der Charaktere. Weder bleiben die Figuren, wie serienüblich, statisch, noch gibt es eine Art Entwicklungsroman hin zu einem neuen, reiferen, besseren Zustand. Niemand ist hier nur gut und liebevoll - oder nur böse und gemein. Noch der geringste Mörder hat seine großzügigen Momente, etwa als liebevoller Vater, und selbst der treueste Anhänger Tonys, seine rechte Hand Sil, grandios bucklig gespielt vom E-Street-Band-Gitarristen Steven van Sandt in seiner ersten Schauspielrolle, hintergeht ihn, wenn er sich zurückgesetzt fühlt. Dieser sezierende Umgang mit den Charakteren führt zugleich zu den gelegentlich schwachen Phasen der Serie.

In der nun erscheinenden sechsten Staffel wird Tony Soprano angeschossen und ringt mit dem Tod. Lange, symbolüberladene Traumsequenzen, die uns zeigen sollen, was aus ihm geworden wäre, hätte er sich nicht der „Familie“ angeschlossen, beweisen nichts deutlicher, als dass er uns dann nicht interessiert hätte. Und auch auf Empathie setzt man vergebens: Die Sorgen der Familie um den Vater, über mehrere Folgen ausgewalzt, berühren kaum. Die verdeckten Machtkämpfe um die Nachfolge des vielleicht Sterbenden gleichen diese Längen wieder aus. In steter Unruhe hält einen zudem der Verschleiß an wichtigen Figuren: Niemand scheint sicher davor, im nächsten Moment zu verschwinden.

Heinrich VIII. folgt den „Sopranos“

Lächerliche und dennoch berührende Charaktere, subtile Anspielungen, meist aus der Welt der großen Filme, allen voran „Good Fellas“ und „Der Pate“, und vor allem eine böse, ironische Interpretation der westlichen Welt - Tonys Sohn lernt, als er seine Freundin besucht, deren Vater die „späten Sachen“ von Picasso sammelt: Wirklich reich wird man nicht in der Mafia, sondern an der Börse: Warum nun aber funktioniert diese großartige Serie nicht bei uns im Fernsehen? Viel hängt wohl an der Synchronisation: Das überaus Sprachbewusste der „Sopranos“ geht verloren - auf DVD sollte man unbedingt, wenn auch mit Untertitel zum Slangverständnis, auf Englisch schauen.

Vielleicht ist die Komplexität der filmischen Erzählung aber schlicht für uns, die wir herausfordernde Lektüren gewohnt, aber beim Film eher von Hollywood und deutschem Fernsehen sozialisiert sind, überfordernd. Wenn daran etwas Wahres sein sollte, kommt hier der nächste Schlag aus der amerikanischen Fernsehwelt: Bei HBO soll nun, da „Die Sopranos“ ihrem Ende entgegeneilen, ein ureuropäischer Stoff für Quoten sorgen: „Tudors“, eine Serie über Heinrich VIII.

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