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Die CSU und das Land : Der bayerische Patient

Altötting, das Herz Bayerns: Die Schwarze Madonna verlässt nur selten die Gandenkapelle. Prozession um 1910 Bild: Fotomuseum im Münchner Stadtmuseum

Die Lage des Landes: Vierzig Jahre ist die Gleichung Bayern = CSU aufgegangen. Heute macht das Wahlvolk, was es will, und die Partei muss zuschauen. Szenen einer scheiternden Ehe.

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          Nehmen wir die B 12. Besser gesagt einen rund hundert Kilometer langen östlichen Abschnitt der Bundesstraße, die in München-Steinhausen als A 94 beginnt, hinter Forstinning für fünfzig Kilometer dann eine einspurige Dauerstaustrecke wird, um dann bei Ampfing wieder dreißig Kilometer als Autobahn aufzutreten. Seit vier Jahrzehnten wird über den Trassenverlauf gestritten, auf sämtlichen Gerichtswegen, vom Stammtisch bis ins Verkehrsministerium hinauf. An der Entwicklung entlang dieser für den südostbayerischen Raum zentralen Verkehrsachse kann man ablesen, wie sehr sich Bayern verändert hat. Jahr für Jahr wuchert der Ballungsraum München weiter. Der ehemalige Finanzminister Otto Wiesheu hat das neudeutsch „Greater Munich Area“ genannt.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Die Metropole frisst ihr Umland, und dieses wächst ihr begierig entgegen. Längst sind die Immobilienpreise in immer größeren Radien rund um München gestiegen. Städte wie das immerhin hundert Kilometer entfernte Neuötting werben mit günstigem Wohnen und der gleichzeitigen Nähe zu München. Davon kann keine Rede sein: Das Verkehrsaufkommen ist hoch, jeden Tag befahren mehr als zwanzigtausend Fahrzeuge diese Strecke, bis 2015 sollen es mehr als doppelt so viele sein. Die Gefahr, auf dieser Todesstraße in einen Unfall verwickelt zu werden, ist viermal so hoch wie sonst im Land. Seit 1980 starben hier mindestens fünfhundert Menschen.

          Was man liebt, betoniert man nicht zu

          Und natürlich gibt es kaum noch freies Land. Früher fuhr man den längsten Teil durch eine ganz normale bayerische Bauernlandschaft, kam durch ein paar Dörfer, passierte in Mühldorf den Inn und kam hinter Marktl ins Niederbayerische hinein. Heute fährt man durch ein immerwährendes Gewerbegebiet mit monströser Hallenarchitektur und dem ausfransenden Charme eines Milieus aus Tankstelle, Schnellimbiss und Logistikzentrum. Man kann auf dieser Strecke ins Grübeln kommen, ob hier noch alles mit rechten Dingen zugeht. Ob die Politik der Staatspartei, die solche Ergebnisse zeitigt, das „conservare“ noch hinreichend abbildet oder ob sie sich nicht vielmehr von diesem Grundsatz längst verabschiedet hat?

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          Das Dilemma ist hier physisch greifbar. Wirtschaftswachstum und Arbeitsplätze erzeugen Mobilitätsdruck, potenziertes Verkehrsaufkommen, beschleunigten Flächenverbrauch. Allein im Regierungsbezirk Niederbayern hat man seit 1981 eine Fläche, die 44 000 Fußballfeldern entspricht, in Siedlungs- und Verkehrsflächen verwandelt, wie das so schön heißt. Besonders geaast wurde beim BMW-Werk in Dingolfing - als dann der Hersteller durch die Krise fuhr, kam der Premium-Gedanke vorübergehend in Bedrängnis. Und man könnte schon ins Nachdenken kommen, wo die Bewahrung der Schöpfung gerade noch als Worthülse durchgeht und wo man sich diesbezüglich gar nichts mehr antut. Der Satiriker Gerhard Polt hat die Formel geprägt: Was man liebt, betoniert man nicht zu.

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          „CSU - Die Partei, die das schöne Bayern erfunden hat“ - so heißt ein Buch, das der SZ-Journalist Herbert Riehl-Heyse geschrieben hat. Aber schon damals war das natürlich blanke Ironie: 1979. Zehn Jahre vor dem Fall der Mauer, neun Jahre vor dem Tod des großen Parteivorsitzenden Franz Josef Strauß, der mit sicherem Gespür für künftige historische Daten am 3. Oktober 1988 zu Regensburg verstarb. Der Schatten von Strauß ist lang. 2009 ermannte sich die damalige CSU-Generalsekretärin Christina Haderthauer und gab in einem Interview zum Besten, Franz Josef Strauß sei für sie kein politisches Vorbild. Natürlich hatte Frau Haderthauer nur ausgesprochen, was selbstverständlich sein sollte.

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