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Der wahre „Rain Man“ : Niemand ist eine Insel

  • -Aktualisiert am

Er hat den Inhalt von 12.000 Büchern im Kopf, aber kann sich nicht allein die Schuhe zubinden. Kim Peek war das Vorbild für „Rain Man“. Doch anders als der Filmheld hat Kim Peek gelernt, sein Leben mit anderen Menschen zu teilen. Ein Besuch.

          7 Min.

          Fran Peek folgt einem seltsamen Ritual, wenn er jemandem seinen Sohn Kim vorstellt: „Sagen Sie ihm Ihren Geburtstag“, bittet er. Auf die Daten hin legt Kim den Kopf ein wenig schief, blickt ins Leere und sagt mit leicht gedehnter Intonation: „24. März 1968, war ein Sonntag. Dieses Jahr war's ein Samstag, 2033 werden Sie 65, ein Donnerstag.“ Sein Vater nickt anerkennend, und Kim wendet sich mit einem tiefen Stöhnen, das in ein meckerndes Glucksen übergeht, seinen Händen zu. „Woher wissen Sie das, Kim?“ „Ich rechne es mir aus“, sagt er.

          Kim Peek ist der Mann, der einst für den vierfach oscarprämierten Film „Rain Man“ mit Dustin Hoffman in der Hauptrolle Modell stand. Die außerordentliche Struktur seines Gehirns, das einen schweren Geburtsschaden an anderer Stelle überkompensierte, machte ihn berühmt. Er kann nicht nur den Ewigen Kalender auswendig aufsagen. Er kann alle deutschen Regierungschefs seit Bismarck aufzählen; die Postleitzahl jeder beliebigen amerikanischen Kleinstadt nennen; die einzelnen Instrumente eines sekundenkurzen Ausschnitts aus einem Orchesterstück identifizieren; eine Shakespeare-Sonate nach bloßem Überfliegen rezitieren; die Baseballergebnisse der Saison 1973 herunterbeten. Oder der von 1985. Oder 2003. Er hat den Inhalt von 12.000 Büchern gespeichert und muss eine Melodie nur einmal hören, um sie fehlerfrei nachsummen zu können. „Kim-Puter“, nennt sein Vater ihn. Kim Peek ist ein Genie.

          Nur allein duschen kann er nicht

          Aber im Moment konzentriert sich der 55 Jahre alte Mann mit dem übergroßen Kopf und den leicht schräg stehenden Augen auf die Stadtführung in seiner Heimat Salt Lake City. „Mein Vater hat mal mit einem Mann zusammengearbeitet, der dort drüben wohnte“, sagt Kim Peek in seinem gleichmäßig lauten Bass, der das heisere Wispern seines Vaters mühelos übertönt, und zeigt aus dem Beifahrerfenster des alten Ford Taurus auf ein Haus in den Hügeln am Stadtrand. „Hier sind meine Mutter und mein Vater zur Schule gegangen. Und da drüben ist . . .“ - er dudelt ein paar Takte aus einer lokalen Chevrolet-Werbung, und sein Vater erklärt, dass das Liedchen die Straße nennt, in der das Haus von Larry Miller steht, dem Besitzer der Basketballmannschaft Utah Jazz.

          „Ich bin gern unter Menschen” - Kim Peek war das Modell für Filmheld „Rain Man”

          Kim fährt fort: „Hier hat vor acht Jahren ein Tornado alle Bäume entwurzelt. Und wenn man dort hinauf fährt: Beethoven!“ Sein Vater springt ein: „Beethoven ist Kims Wort für Bastard. Als Kim sechs war, riet uns der Gehirnchirurg Peter Lindström zu einer Lobotomie.“ Lindströms Ehefrau Ingrid Bergman, so erklärt Fran Peek weiter, hatte mit dem Regisseur Roberto Rossellini eine uneheliche Tochter, also einen Bastard, aber da sich dieses Wort in der Öffentlichkeit nicht schickt, hat es Kim durch das Wort Beethoven ersetzt. Der Komponist bezeichnete einst in einem Brief an seinen Bruder das uneheliche Kind seiner ungeliebten Schwägerin als Bastard.

          Es sind rasante gedankliche Hakenschläge, die Kim Peek vollführt, und ohne die interpretatorische Hilfe seines Vaters kann man kaum folgen. Manchmal scheint es, als höre man einem Fünfjährigen bei der Beschreibung seiner Sommerferien zu, dann wieder fühlt man sich dem intellektuellen Universum von Kim Peek schlicht nicht gewachsen - trotz der Tatsache, dass dieser Mann Schwierigkeiten hat, sein Hemd richtig herum anzuziehen („in zwei von drei Fällen macht er es falsch“, sagt sein Vater) und nicht allein duschen oder sich rasieren kann. Neulich wies man Fran an einer Flughafen-Sicherheitskontrolle darauf hin, dass Kim seine Schuhe falsch herum trage. Auf die Frage des Vaters, ob ihn die Füße nicht schmerzten, sagte Kim: „Ich habe mich damit noch nicht beschäftigt, Dad.“

          Inzwischen macht er lieber Witze

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