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Comic : Das Erbe der Sonntagskinder

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Von „Neustadt” zu „Strizz”: Erster Entwurf Volker Reiches Bild: Volker Reiche

Von diesem Samstag an nimmt „Strizz“-Zeichner Volker Reiche eine der großen Traditionen des Comic-Strips wieder auf: die Sonntagsseite. Wie der Comic wurde, was er ist, lehrt ein Blick auf die hundert Jahre alten Wochenendbeilagen.

          9 Min.

          Der Comic ist ein Sonntagskind. Und wo könnte man ihm das besser ansehen als auf dem Porträt des grinsenden kleinen Knaben Napoleon, das der amerikanische Zeichner George McManus 1909 zeichnete, um den ersten Zahn seines kindlichen Comic-Helden zu feiern? Damals räumte ihm die von Joseph Pulitzer 1890 gegründete und zu einer der erfolgreichsten Tageszeitungen der Jahrhundertwende avancierte „New York World“ die ganze Titelseite ihrer farbig gedruckten Wochenendbeilage frei, um das familiäre Großereignis angemessen zu begehen. Das zeigt die Bedeutung, die Comics seinerzeit besaßen. Für ein eher alltägliches Ereignis im imaginierten Leben einer populären gezeichneten Figur interessierte sich die gesamte Leserschaft.

          Das hätte vierzehn Jahre zuvor niemand geglaubt. Am 5. Mai 1895 hatte die „New York World“ ihr größtes Heiligtum, die sonntäglichen Farbseiten, zum ersten Mal für den Vertreter eines Genres geöffnet, das später Comic genannt werden sollte. Damals sprach man meist noch von funnies oder cartoons, meinte damit aber alle komischen Bilder, nicht nur jene Geschichten, in denen Text und Zeichnung eine untrennbare Gemeinschaft eingingen. Doch so, als Symbiose von geschriebenem Wort und gezeichnetem Bild, legte Richard Felton Outcault, der erste Comic-Zeichner, seine Bilder für die „World“ 1895 an - als ganzseitige Szenen, die den Betrachter in den Hinterhof einer Mietshaussiedlung führten, der der neuen Serie den Titel gab: „Hogan's Alley“. Darin tummelte sich eine unübersehbare Zahl von Figuren - in der Mehrzahl kleine Rabauken, die den Erwachsenen und einander wilde Streiche spielten. Und überall im Bild verteilt gab es Schilder, Beschreibungen und Dialogtafeln, die das unübersichtliche Geschehen erläuterten und kommentierten.

          Knallgelbes Hemd

          Das war die Geburtsstunde des Comics, auch wenn Outcault noch keine Sprechblasen benutzte. Aber in den folgenden Wochen sollten auch die Einzug in „Hogan's Alley“ halten - wobei sie zunächst einem Papagei vorbehalten blieben, während die menschlichen Akteure sich weiterhin mittels Tafeln artikulierten. Oder im Falle eines kleinen kahlköpfigen Lausebengels, der sich zum heimlichen Helden von Outcaults Serie entwickelte, mittels des eigenen langen Nachthemds: Was dieser Knabe sagte, war der Figur selbst abzulesen. Um sie besonders hervorzuheben, wurde von der ersten „World“-Sonntagsbeilage des Jahres 1896 an das Hemd des Jungen knallgelb gedruckt.

          Bei den Lesern der Zeitung entwickelte sich Outcaults Comic-Serie zum Sensationserfolg. Nach dem auffälligen Erscheinungsbild seiner Hauptfigur wurde sie bald nur noch „The Yellow Kid“ genannt. Und um den Zeichner entbrannte ein regelrechter Zeitungkrieg, denn kein Geringerer als der aufstrebende Pressezar William Randolph Hearst warb für sein eigenes Blatt, das „New York Journal“, Outcault und dessen Serie dem Konkurrenten Pulitzer ab. Der brauchte Ersatz für den Publikumsliebling, und so kamen die Comics erst richtig in Schwung. Dem 1909 in der „World“ erschienenen Titelbild von McManus - einem der jungen Talente, die sich in den Diadochenkämpfen um Outcaults Erbe etablierten - ist noch Pulitzers Zorn auf den untreuen Outcault abzulesen. Perfiderweise gestaltete McManus seinen Napoleon nach dem Vorbild des Yellow Kid, und Pulitzer ließ das Titelbild auf jener gelben Farbe drucken, die zum Symbol der alten Serie geworden war. Das Geschäft mit den lustigen Bildergeschichten war eine ernste Sache.

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