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Cannes : Die Sterne zum Greifen nah

  • -Aktualisiert am

Sie trug schwarz und lächelte: Sharon Stone in Cannes Bild: REUTERS

Nicht alle Wege führen über den roten Teppich: Das Filmfestival von Cannes, diese einzigartige und unnachahmliche Mischung aus echtem Ruhm und falschem Rummel, billigen Träumen und bösem Erwachen, feiert sein sechzigstes Jubiläum - und bietet auch jenseits des Festivalpalasts ganz großes Kino.

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          Sharon Stone trug schwarz und lächelte. Ihr Gesicht hing zwischen Palmenwipfeln, drehte sich von hier nach dort, und die Begleitmusik lieferte das gleichmäßige Rauschen des Verkehrs auf der Rue d'Antibes, einige Straßenzüge vom Festivalpalast entfernt. Es klang fast wie Stille; man fiel in sie hinein, nachdem das Disco-Wummern an den Stufen mit dem roten Teppich, die Sharon Stone gerade hinaufgeschritten war, mit jedem Meter in die andere Richtung verwehte, wie auch die aufgeregte Lautsprecherstimme des Prominentenansagers, das Motorklackern der Kameras und das Geschrei der Zaungäste.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Aus der Entfernung war Sharon Stone selbst längst nicht mehr zu sehen, nur noch ihr Kopf, zwei Stockwerke hoch und breit zwischen den Palmkronen, über denen der Himmel des frühen Abends immer noch strahlte. Es hätte eine Reklame sein können wie die, hinter denen das Hotel Carlton während des Filmfestivals verschwindet, aber es war nicht mehr als die Live-Projektion des Galagasts auf Leinwände neben dem Festivalpalast.

          Jeder ist sich selbst der gute Zweck

          Sharon Stone war nicht gekommen, um für einen neuen Film Reklame zu machen, sondern um für die Aids-Foundation alles Mögliche unter den Hammer zu bringen, unter anderem für 140.000 Dollar einen leibhaftigen Auftritt von Kylie Minogue am selben Abend im Lokal „Moulins“ in Mougins. Am Ende hatte sie siebeneinhalb Millionen Dollar gesammelt.

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          Überhaupt waren dieses Jahr noch mehr Stars als sonst für einen guten Zweck unterwegs: Leonardo DiCaprio warb fürs Klima und hatte einen Film dabei, der zeigte, wie es möglicherweise doch noch zu retten sei, „The 11th Hour“, den er produziert hat. Martin Scorsese warb für die weltweite Pflege des Filmerbes und verkündete in Anwesenheit einer Gruppe Filmemacher tatsächlich aus der ganzen Welt die Geburt des „World Cinema Fund“, der sich um vergessene, vernachlässigte und verwaiste Filme kümmert. Helen Mirren warb für die Stiftung des englischen Prinzen, das All-Star-Team von „Ocean's Thirteen“ für Hilfe für Dafur, Bianca Jagger für ein politisch und sozial engagiertes Kino, das ebenfalls einen eigenen Fund bekam, Alexander Kluge für die Mostra in Venedig. Nicht, dass jetzt der Eindruck aufkommt, Cannes sei das Festival der guten Taten. Hier machen alle vor allem Reklame für sich selbst. Und es ist stets das Festival, das davon profitiert.

          Allein deswegen hätten Luzern, Ostende und Biarritz allen Grund, sich zu ärgern. Sie hatten sich Ende der dreißiger Jahre um das Festival International du Film beworben, aber gegen Cannes verloren, weil der Ort an der französischen Riviera die Zusage machte, für den Anlass ein eigenes Palais zu bauen.

          Eigentlich war Venedig seit 1932 das führende Filmfestival gewesen, aber als 1938 die Preise an Leni Riefenstahls „Olympia“ und an einen Film von Mussolinis ältestem Sohn Vittorio gingen, verließen die amerikanische, englische und französische Delegation unter Protest den Lido. Und eine Kommission unter dem Vorsitz von Louis Lumiére, dem Erfinder des Kinos, wurde beauftragt, einen Ort für ein „objektiveres“ Festival zu finden. So einigte man sich auf das südfranzösische Cannes. Alles war bereit, sogar die Stars waren schon da. Gary Cooper, Tyrone Power, Charles Boyer, Douglas Fairbanks, Norma Shearer und Mae West hatten ihre Zimmer mit Meerblick bezogen, und am Strand sollte für den Eröffnungsfilm „Der Glöckner von Notre-Dame“ die Pariser Kathedrale aus Pappmaché nachgebaut werden. Nur der Termin war etwas unglücklich gewählt: Der 1. September 1939.

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