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Boom der Privatschulen : Welt und Weltflucht im Internat

  • -Aktualisiert am

Internate werden populärer - hier Schloss Hansensberg bei Geisenheim Bild: dpa

Seit „Pisa“ ist vielen die öffentliche Schulbank zu hart geworden. Der teure Ausweg heißt Privatschule. Nicht nur die Reichen schicken ihre Kinder auf die teuren Internate hierzulande oder in England. Von Tilmann Lahme.

          Der Neue ist da. „An Bord“, wie ihm die Mitschüler erklären. Der für ihr Haus zuständige Erzieher fuhr früher zur See und wird „Käpt'n“ genannt. Das ist nicht das einzig Besondere hier im Internat, wie dem Neuen rasch klar wird. Ein Mitschüler kommt in sein Zimmer, vollkommen nackt, als sei das nichts Ungewöhnliches, stellt sich vor, plaudert, bemerkt den irritierten Blick, lacht und klärt auf. „Hier an Bord sind wir freizügig, das entspricht der Hausmentalität. Wir laufen alle nackt. Aber das ist kein Zwang, du musst da nicht mitmachen, wenn du nicht willst.“ In der gemeinsamen Küche trifft der Neue auf weitere Nackte, die sich eine Pizza aufbacken. Zurück in seinem Zimmer entscheidet er sich nach heftigem inneren Ringen fürs Dazugehören, gleich vom ersten Tag an - und zieht sich aus. Wenige Minuten später kommt der Käpt'n in das Zimmer, höchst irritiert: Seine - natürlich bekleideten - Jungs haben ihn gerade informiert, mit dem Neuen stimme etwas nicht: Der sei so seltsam und laufe die ganze Zeit nackt herum . . .

          Eine Internatsgeschichte, wie sie von Ehemaligen erzählt wird, wenn man sich in vertrauter Runde trifft, eine von vielen, und noch eine der eher netten, harmlosen. Bei Internatsschülern ist das Schwelgen in der Vergangenheit kein Phänomen später Jahre, wenn die Jugenderinnerungen sich immer wieder in den Vordergrund drängeln. Schon junge Studenten, die gerade erst vor zwei oder drei Jahren ihr Abitur an einem Internat absolviert haben, können sich voller Alkohol und Rührung in den Armen liegen und von der wunderschönen Zeit, die sie gemeinsam erlebt haben, schwärmen. Inklusive all der Geschichten um Alkohol, Liebesabenteuer und Schulstreiche, moderne Abenteuer à la „Feuerzangenbowle“, von denen die Eingeweihten wissen, dass ein Kern oft wahr und der Rest blumige Girlande der Phantasie ist.

          „Stalingrad-Saufen“ und Pizza-Anschläge

          Für Außenstehende birgt das die Gefahr der verzerrten Wahrnehmung. Das Magazin „Vanity Fair“ etwa ist jüngst mit einem Artikel über Salem, Deutschlands bekanntestem Internat, in die Falle getappt, solche Geschichten, ohne Kenntnis des Insidercodes, der den Wahrheitsrabatt berücksichtigt, für voll und wahrhaftig zu nehmen. Unter dem Titel „Segeln, Saufen, Sex“ las man da von „Stalingrad-Saufen“ in Opas Wehrmachtsuniform bis zu Pizza-Wurfanschlägen auf die Dorfbevölkerung.

          Speisesaal im Internat Salem

          Mit der Wirklichkeit des Jahres 2007 hat das nicht viel zu tun. Aber es zeigt eines deutlich: Internate polarisieren, schaffen getrennte Welten - wir hier drin und ihr da draußen. Nicht nur jene, die eines besucht haben, besitzen zu dem Thema eine Meinung, sondern auch die Beobachter, und zwar zumeist eine scharfe, zumal in Deutschland noch immer die Überzeugung vorherrscht, erneut wild aufflackernd in der Krippendebatte, nur in der Familie sei Erziehung wirklich gut. Internate seien Verwahranstalten für dumme Kinder reicher Leute, für Gescheiterte, die an der „normalen“ Schule nicht reüssierten, für Standesbewusste, die sich mit den Niederungen einer klassenlosen Gesellschaft nicht abfinden wollen, lauten gängige Klischees. „Wenn du nicht brav bist, kommst du ins Internat“, ist so eine deutsche Drohung. „Wenn du nicht artig bist, kommst du auf eine öffentliche Schule“, heißt dagegen das Drohungs-Pendant in England, wo der Besuch einer Privatschule und auch eines Internats („Boarding School“) normal und unanstößig ist. Auf der Insel gelten Internate als die beste Ausbildung, die man seinem Kind ermöglichen kann.

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