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Bankenkrise : Gier, die über Leichen geht

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Von der Blumenzwiebel zum Spekulationsobjekt: Hendrick Pot malte „Floras Mallewagen” 1640 nach der Tulpenmanie Bild: Frans Hals Musuem, Haarlem

Die Bankenkrise ist keine Erfindung der Neuzeit. Schon der Zusammenbruch toskanischer Kreditanstalten 1342 oder die Tulpenmanie in Holland 1637 trieb die Sparer unverschuldet in den Ruin. Seit dem Mittelalter kennt man die Höhenflüge der Spekulanten - wie ihren tiefen Fall.

          Hätte es nicht vor Jahrhunderten – und seither immer wieder – Banken- und Börsenkräche gegeben, dann existierten Bankhäuser wie die Bardi, Peruzzi, Accaiuoli noch heute. Doch mit den großen toskanischen Finanzinstituten, die ab 1250 das Kapital der heimischen Tuchindustrie und die beträchtlichen Einkünfte der Päpste in ganz Europa auf den Markt brachten, ging irgendwann irgendetwas kolossal schief. Der Zusammenbruch der Bardi und Peruzzi etwa, der 1345 ganze Volkswirtschaften ruinierte, weist gar nicht so überraschende Übereinstimmungen mit den Investmentbankern von der Wall Street im fatalen Frühherbst 2008 auf. Die technischen Methoden, Geld kursieren zu lassen und dabei auf Schulden und Kurse zu wetten, mögen sich radikal gewandelt haben. Die Spieler in diesem ruinösen Wettbewerb handeln aber immer nach denselben Grundsätzen.

          Warum die Bankenhäuser 1342 crashten

          Auf den ersten Blick gleicht die computerisierte Hektik eines heutigen Brokerbüros in nichts einem gemütlichen Florentiner Kontor um 1300. Aber eine Bank wie das Haus Peruzzi erreichte zu ihrer Zeit staunenswerte Dimensionen und hielt die lebenswichtige Kommunikation über Zinsen, Ernten, Kriege, Thronwechsel, Preise in fünfzehn Kontoren von Rhodos bis London aufrecht. Rund hundert Angestellte machten für das alte Florentiner Stammhaus Geldgeschäfte in der ganzen bekannten Welt, schossen Kapital vor für den Transport von neapolitanischem Weizen in die oberitalienischen Industriestädte, finanzierten die Truppen des englischen Königs oder setzten mit Hilfe des Johanniterordens in Rhodos flämisches Tuch auf dem arabischen Markt ab. Die ungemeine Findigkeit und Beweglichkeit der mittelalterlichen Bankiers lassen sich an der Spannweite der Peruzzi, Bardi, Medici in Florenz, aber auch der Fugger- oder Humpis-Handelshäuser in Augsburg und Ravensburg bis heute detailliert ablesen; ihre erhaltenen Rechnungsbücher und Geschäftskorrespondenzen, ihre doppelte Buchführung, ihre Testamente und ihre privaten Rechtfertigungsschriften versorgen Generationen von Forschern immer noch mit Quellenmaterial.

          Warum die Bankhäuser Peruzzi und Bardi 1342 genau crashten, darüber streiten sich die Historiker. Doch in groben Zügen scheint die Pleite rekonstruiert. Sie basierte auf einer ruinösen, das System sprengenden Gier, die über Leichen ging. Simpel gesagt, ließen sich die flüssigen Gelder im Spätmittelalter am schnellsten mehren, wenn die Bank einem Herrscher den Luxushaushalt finanzierte, um ihm dafür die Einkünfte aus Steuern und Zöllen, Bergwerken und Landgütern abzuluchsen, die der Potentat selber niemals optimiert hätte – und über deren Dimensionen er sich oft nicht einmal im Klaren war. So geschehen mit dem Geld der Florentiner, das in der Toskana im Tuchhandel zusammengekommen war und nun den englischen Königen Edward II. und III. Hofhaltung, Geschenke, Militär und Flotte finanzieren half. Die Toskaner fanden als geübte Controller wenig dabei, den britischen Wollexport für abgewertete Sterling in die Hände zu nehmen und sich den Import von Luxusgütern vom König als Monopol verbriefen zu lassen. England blutete aus, die Banken verdienten eine Weile lang prächtig, doch am Ende stand der König bei den Bardi und Peruzzi so tief in der Schuld, das seine und seines Landes Zahlungsunfähigkeit das Gebäude einstürzen ließen.

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