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Arktis im Aufbruch : Der neue Norden

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Wer möchte ein Eisbär sein, im kalten Polar? Sein Lebensraum schmilzt Bild: dpa

Vor Somalia lauern Piraten, in der Arktis wartet das Eis - bislang hatte die Seefahrt keine Wahl: Die Nordostpassage, ein alter Menschheitstraum, war ohne Eisbrecher nicht befahrbar. Jetzt wachsen die eisfreien Gebiete in der Arktis mit jedem Sommer.

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          Wir haben uns das anders vorgestellt. Jedenfalls nicht so, dass wir schon jetzt auf Eis stoßen, im Hafen von Bremen. Aber das passt schon. Denn Arktis, das ist ja heute überall: Unentwegt laufen im Fernsehen Reportagen aus dem Norden, entdecken Schriftsteller die karge Szenerie, und der Moderator Markus Lanz macht ein Grönlandbuch. Überall Eis. Als sei der Norden das Ziel. Man könnte sagen: Natürlich, dieser Winter passt ins Bild. Und auch die Arktis, das macht der Klimawandel, Eisbär in Not! Tatsächlich aber vollzieht sich ein Aufbruch. Oder zumindest der Versuch eines Aufbruchs. Deshalb sind wir hier, auf dem Teerhof in Bremen. Bei einer Reederei.

          „Nordostpassage geglückt“. Das schrieben die Zeitungen im August 2009, nachdem zwei Frachter auf dem Globus von rechts nach links gefahren waren, und zwar obenherum, wohlgemerkt, „wegen des Klimawandels“. Niels Stolberg, der Chef der Reederei Beluga, sagte damals, man habe „das Tor geöffnet für einen Seeweg, der in der Zukunft gewiss weiter an Bedeutung gewinnen wird“. Der Weg von Europa nach Asien sei über die Nordostpassage um 5400 Kilometer kürzer als der Weg durch den Suezkanal. Umweltfreundlicher. Und billiger, so hieß es auch. Wobei man wissen muss, dass Beluga-Frachter zu denen gehören, die schon 2008 von somalischen Piraten überfallen wurden.

          Die Nordostpassage war ein Traum. Und ein Albtraum

          Sagt die Reederei das heute auch noch: North by northeast? Oder war alles nur eine PR-Aktion?

          Das erste nicht-russische Handelsschif, das die Nordostpassage durchquerte: Die  „MV Nordic Barents” verlässt am 4. September 2009 den Hafen von Kirkenes

          In der Beluga-Zentrale in Bremen sitzen die Reederei-Mitarbeiter, die bei Piratenalarm den kühlen Kopf bewahren sollen, dann auch gleich neben dem Meteorologen, der zur Begrüßung Satellitenaufnahmen der Nordostpassage präsentiert. „Bleiben Sie dabei: Die Nordostpassage wird befahrbar?“, fragen wir den Mann. „Es gibt einen Trend“, sagt der Mann, „in den Sommern verzeichnen wir einen signifikanten Rückgang der Meereisfläche, eine unterdurchschnittliche Eisausdehnung, wir finden vor allem weniger mehrjähriges Eis als zuvor.“

          Wilem Barents fand nur Eis, als er sich Ende des sechzehnten Jahrhunderts auf den Weg machte, um einen neuen Seeweg nach Osten zu entdecken. Für Erik Nordenskjöld lief es etwas besser, als er 1878 mit der „Vega“ in Richtung Sibirien aufbrach; doch auch er musste sich dafür vom Eis einschließen lassen. Selbst die „Sibirjakow“ schaffte die Durchquerung 1932 nur, weil sie ein Eisbrecher war. Noch Arved Fuchs schrieb 1991 in seinem Expeditionsbericht „Abenteuer russische Arktis“: „In den meisten Jahren ist die Versorgung der sowjetischen Polarstationen nur mittels Flugzeug oder der 75 000 PS starken Eisbrecher möglich. Ein Studium der Eiskarten ergibt, dass unsere Chancen, weiter nach Norden zu gelangen, gering sind. Zu viel Eis!“ Die Nordostpassage war ein Traum. Und ein Albtraum. Die Geschichte ihrer Erschließung hat Züge der Fiktion. Und jetzt, auf einmal, soll alles anders sein?

          Im Norden braucht man keinen Panic Room

          Zumindest im Sommer. Das sagt der Beluga-Meteorologe. Nur sagt er es mit den Worten, die Arved Fuchs 2002 ins Tagebuch schrieb, nachdem er die Passage beim vierten Versuch per Segelschiff durchquert hatte: „Noch niemals zuvor haben wir in diesem Gebiet so viel eisfreies Wasser gesehen.“ Überhaupt sprechen sie bei Beluga nur von einem „zumindest mittelfristigen Trend“. Schließlich gibt es weiterhin „Risiken und Unwägbarkeiten“. Den Wind etwa, der bei schwindender Eisfläche stärker auf das Wasser drückt als bisher.

          Trotzdem ist da ein Lächeln, als der Mann die dicke Kladde mit den Satellitenbildern zurücklegt und sagt, ein Beluga-Schiff sei auch 2010 wieder in die Nordostpassage eingefahren. Er ist stolz, erzählt von einem Kindheitstraum. Und er sagt: Ob Sturm und Eis auftreten, könne heute mit einiger Sicherheit pro-gnostiziert werden. Mit Piraten vor Somalia sei das schon schwieriger. Zumindest braucht man im Norden keinen Panic Room.

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