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Angefressene Kastanien : Du kriegst die Motten

„Ick bün all dor”: Keine Kastanie ohne Miniermotte Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Für weißblühende Kastanien kommt der Herbst seit Jahren immer früher. Ihre Blätter werden schon im Sommer braun. Schuld ist die Miniermotte, gegen die man kaum ankommt. Frustriert sind aber nur die Menschen.

          Diese Geschichte ist von Anfang an zum Scheitern verurteilt: Man findet keine gesunden Kastanien mehr in Frankfurt, jedenfalls keine weißblühenden über einen Meter Höhe. Das ist eine Gemeinheit. Weil zum aktuellen Datum und dieser Jahreszeit, zu einem schönen Altweibersommer also, der langsam mit Morgennebeln und Spinnweben in den goldenen Frühherbst übergeht, einfach große, wogende, unbeschwerte Kastanien dazugehören. Kastanien, aus denen im Minutentakt stachelige Früchte auf den Asphalt herunterkrachen, dabei aufspringen und ihren geschmeidigen Inhalt unter Biergartentische oder Parkbänke verteilen.

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Aber das war einmal. Umherkullernde Früchte gibt es zwar noch immer, aber keine unbeschwerten Rosskastanien, weil die Miniermotte sich seit einiger Zeit in ihren Blättern eingenistet hat. Die ist winzig, aber ein ausgezeichneter Pilot, deswegen kommt sie auch überall hin. Sie will aber nur an die Blätter der weißblühenden Rosskastanie. Ihre Larve ist monophag, das heißt: Sie speist sehr speziell, und ihre Spezialität ist das innere Gewebe des Kastanienblatts. Die Larve frisst sich quasi ein Gehäuse ins Blatt hinein und kappt dabei dessen Wasserversorgung. Das Blatt vertrocknet vor der Zeit, wird braun und fällt vom Baum. Im Hochsommer setzt das ein, wenn es ohnehin immer trockener wird. Und es hört einfach nicht mehr auf. Bis zu vier Generationen von Miniermotten können innerhalb eines Jahres auf die Welt kommen, ihre Larven fressen sich von der unteren Baumkrone an abwärts, und man wird sie nur los, wenn man das Laub fortschafft und verbrennt. Sonst überlebt die letzte Generation darin und legt im nächsten Jahr wieder los.

          Im Grunde stören die Dauergäste nicht

          Deshalb findet man seit langem schon kaum eine Rosskastanie mehr, deren Blätter nicht vor der Zeit verschrumpeln und braun anlaufen. Höchstens wenn die Sommer feuchter sind, dann fällt der Befall weniger auf, weil die Bäume genügend Wasser bekommen. Im Grunde aber stören sie ihre Dauergäste nicht. Sie leben ganz gut mit ihnen. Jedenfalls gehen die Kastanien nicht automatisch ein, sobald eine Motte sich bei ihnen einquartiert hat. Es schwächt sie zwar, sie werden anfälliger für Frost, aber Salzungen oder Zusammenstöße mit Autos beispielsweise schädigen sie auf lange Sicht viel gravierender.

          Früh gebräunt: Kastanie in Frankfurt

          Den Menschen allerdings stört der Anblick brauner Bäume. Daher spricht der Insektenkundler Wolfgang Nässig vom Frankfurter Senckenberg-Institut auch von einer „anthropozentrischen Sichtweise“: Was die Miniermotte anrichte, sei vor allem ein ästhetisches Problem. Es liegt im Auge des Betrachters.

          Es kommt aber noch schlimmer: Wäre die weißblühende Kastanie kein Zierbaum und würde ihr Holz intensiv genutzt, so behauptet Nässig jedenfalls, wäre der Mensch sicher längst viel entschlossener gegen die Miniermotte vorgegangen. Das heißt: mit Gift im Großeinsatz. Was aber eigentlich auch nicht geht, weil die Kastanie meistens in Nachbarschaft mit dem Menschen lebt und der immer gleich mitbetroffen wäre. Es wird zwar geforscht an Impfungen, Lockstoffen und Parasiten, es gibt auch erste Ergebnisse, die Hoffnung machen, aber im Grunde wird seit Jahren nicht viel mehr unternommen als konzertiertes Laubsammeln. Herbst für Herbst rechen Straßenkehrer, Gärtner und Freiwillige das Laub zusammen, um es zu entsorgen, so geschieht es im Augenblick zum Beispiel in Berlin, wo Plakate überall in der Stadt zum Mitmachen auffordern, aber auch in vielen anderen Gemeinden in Deutschland.

          Herkunft unbekannt

          Die Miniermotten sind allerdings derart verbreitet, dass man kaum gegen sie ankommt. In Frankfurt, erklärt Wolfgang Nässig, sind hundert Prozent aller weißblühenden Kastanien befallen. Soweit man das überhaupt sagen kann. Vielleicht steht im Stadtwald ja doch ein junger Baum herum, an dem noch nicht herumgeknabbert wird - aber auch seine Zeit wird kommen.

          Ein Gespräch mit dem Schmetterlingsexperten ist eine ernüchternde Angelegenheit. Nicht nur, weil Nässig das Desinteresse des Menschen für den Erfolg der Miniermotte verantwortlich macht. Er sagt auch, dass man nicht weiß, woher das Insekt überhaupt komme. Einheimisch ist die Motte in Mitteleuropa jedenfalls nicht - genauso wenig wie die Rosskastanie, die vor Jahrhunderten aus Nordamerika importiert wurde. Und weil man die Miniermotte bislang nirgendwo wild entdeckt habe, also an ihrem natürlichen Standort, könne man auch nicht bestimmen, wer ihr natürlicher Feind sei. Der wiederum könnte am effektivsten und umweltfreundlichsten helfen, die Kastanien von ihren Mitessern zu befreien. Vor vierundzwanzig Jahren hat man die Miniermotte am Ohridsee in Mazedonien erstmals gesichtet, aber auch dorthin ist sie eben nur eingewandert. In Deutschland registrierte man sie 1993. Gut möglich, sagt Nässig, dass sie aus China stamme, aus dem Himalaja oder aus Nordamerika. Aber wo fängt man da zu suchen an?

          Im Grunde ist die Miniermotte ein Symbol für ein Phänomen, das der Bundestagspräsident Norbert Lammert vor einiger Zeit schon diagnostiziert hat: die Dauerfrustration. Wohin man auch schaut, sagt Lammert, überall erlebt man Frustration, in der Politik, im Sport, in Wirtschaft und Finanzen. Man weiß nicht so recht, woher sie kommt, sie nagt an einem, man wird ganz welk davon, aber man gewöhnt sich zugleich dran, man kann mit dieser Frustration leben, sie geht ja offenbar auch nicht wieder weg. Nur wenn der Mensch mehr Interesse für seine Umwelt aufbrächte, könnte sich das ändern. Aber auch das ist natürlich nur eine anthropozentrische Sichtweise.

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