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Adornos Stil : Wenn Adorno spricht

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Analytiker des unerschöpflichen Grauens: Theodor W. Adorno Bild: picture-alliance / dpa

Kein zweiter Philosoph prägte die Bundesrepublik wie Theodor W. Adorno. Wer in den fünfziger und sechziger Jahren bei ihm am Frankfurter Institut für Sozialforschung studierte, schrieb und redete bald genau wie der Professor. Doch Adornos Stil war einzigartig. Eine Enträtselung.

          Wenn der in Deutschland schon sehr berühmte Philosoph Theodor W. Adorno nach Paris reiste, arrangierte der reiche Schriftsteller Joseph Breitbach für ihn gelegentlich eine Party, zu der er Nachkommen des Personals von Prousts Roman einlud. Das schmeichelte Adorno, der ein Faible für adlige Damen hatte. Aber die Begegnung mit den alt gewordenen Randfiguren des Romans oder ihren Enkeln konnte wie die Parodie auf ein Diktum Prousts in „Im Schatten junger Mädchenblüte“ wirken: „Was man Nachwelt nennt, ist das Fortleben der Werke.“

          In seinen Proust-Interpretationen hatte Adorno diesen Satz besonders hervorgehoben als das Credo der modernen Kunst, die gleichsam in einem Purgatorium die gesellschaftliche Sphäre hinter sich lässt. Das Werk, meinte Adorno mit Proust, müsse sich ganz aus eigenen Kräften seine Nachwelt bereiten. Wenn das Nachleben beginnt, ist die Zeitgenossenschaft schon zur Gänze ausgeschöpft.

          Amerikanischer Sprachtransfer

          Wie wäre es, wenn sich heute die Leser Adornos der fünfziger und sechziger Jahre - der „Minima Moralia“, der „Philosophie der Neuen Musik“, der „Noten zur Literatur“, der „Negativen Dialektik“, der „Eingriffe“ - zu einer Party zusammenfänden, um das Nachleben dieses Werkes zu feiern? So war es in gewisser Weise, als Adornos hundertster Geburtstag in Symposien, Vorträgen und Würdigungen der Zeitungen ausgiebig begangen wurde. Wenige seiner Altersgenossen haben ein vergleichbares Echo gefunden. Aber das Nachleben der Werke? Einer der wenigen, die der ungemeinen Faszination des Schriftstellers Adorno mit einer Emphase, die das Echo der frühen Begegnung mit seinem Werk war, gedachten, war Joachim Kaiser. „Was blieb von Adornos Glanz?“, fragte er zum Jubiläum, und seine Antwort war ohne Verlegenheit.

          Dass man Adorno kannte, war durch minimale Sprachgesten mitzuteilen. Es genügten der Gebrauch des nachgestellten Reflexivpronomens oder Ausdrücke wie „Racket“; Adornos Sprache bezeichnet im Übrigen den Einbruch amerikanischer Wendungen ins Deutsche. Man konnte sogar fast mühelos, wie es viele seiner Studenten taten, adornitisch reden, um das Prestige des Eingeweihten zu erlangen. Aber ein produktives Weiterdenken in seinem Stil war selten, am ehesten mochte es Musikern wie Heinz-Klaus Metzger gelingen.

          Subtile Denkprotokolle

          In der Philosophie war Adornos Stil schwer zu imitieren, weil er einen Kernbestand von Gedanken der Tradition umspielte, zu deren Nachahmung die wenigsten geneigt waren, die aber von seinen Assistenten didaktisch gepflegt wurde. Demgegenüber versprach Adornos Philosophieren eine beispiellose Freiheit vom Gelernten. Die Schüler hafteten deshalb an der Oberfläche, wo dies am ehesten zu erreichen war, an Sprachgesten.

          Joachim Kaiser erinnert sich fast schwärmerisch, wie „passioniert-liebevoll“ Adorno als Lehrer mit seinen Studenten diskutierte, wie er von ihnen verehrt, aber auch ein wenig belächelt wurde. Das Erstaunen des 1949 nach sechzehn Jahren aus der Emigration Zurückgekehrten über die unerwartete geistige Aufgeschlossenheit der Studenten, zu denen Joachim Kaiser gehörte, ist festgehalten in dem ersten Aufsatz, den Adorno nach seiner Rückkehr veröffentlichte: „Auferstehung der Kultur in Deutschland?“ Darin gestand er, dass er, wo er Barbarei erwartete, kulturelle Neugier vorfand.

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