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Adornos Stil : Wenn Adorno spricht

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Adorno neigte zur Apodiktizität in großen Fragen wie in minder bedeutenden. Es war eine Folge seines philosophischen Anspruchs zu sagen, was ist. Das Überdrehte vieler seiner Formulierungen hängt mit diesem immer mitgemeinten Ernst zusammen: der Katastrophe, deren Diagnose die Gewissheit des „Cogito, ergo sum“ annahm. Ein Satz, aus demselben Stück der „Minima Moralia“ wie sein berühmtester „Es gibt kein wahres Leben im falschen“, ist vielleicht dem gemeinen Menschenverstand näher als dieser, aber doch unverkennbar überdreht: „Eigentlich kann man überhaupt nicht mehr wohnen.“ Die Panik, die darin steckt, lässt sich nur verstehen, wenn man sie sich durch die Allgegenwärtigkeit der Katastrophe ausgelöst vorstellt.

Den Blick aufs Entlegene richten

Panik dürfte die Philosophie Adornos zutreffend charakterisieren, vor allem auch in dem Maße, als eine zum Äußersten gespannte Gefühlslage die am unbetroffensten beschaulichen Stimmungen herausspringen lässt. Man könnte von Adornos Biedermeier reden, dem er unter dem Namen der Mikrologie einen intellektuell anspruchsvolleren Namen gegeben hat. Seine Polemik gegen die Kulturindustrie ist ja auch eine Ermunterung, es sich in den Nischen der Nichtbeachtung einzurichten und dabei das Gefühl zu entwickeln, man ziehe sich um des Überlebens des Ganzen willen zurück. Das ist politisches Biedermeier: „Kein Kunstwerk, kein Gedanke hat eine Chance zu überleben, dem nicht die Absage an den falschen Reichtum die erstklassige Produktion, an Farbenfilm und Fernsehen, an Millionärmagazine und Toscanini innewohnte.“

Der Philosophie wird deswegen empfohlen, den Blick aufs Entlegene zu richten. Wie es in „Minima Moralia“ heißt, sei dies die letzte Chance für den Gedanken. Als wenn sich diese Liebe zum Ephemeren einen Mut fassen wollte, hat Adorno sich den Blick auf die Katastrophe zugemutet. Wie nur sonst ein Konservativer des neunzehnten Jahrhunderts konstatierte er, dass es nichts Harmloses mehr gebe. Wenn es so weit gekommen ist, muss für das Glück des Harmlosen ein Blick einstehen, der „aufs Grauen geht, ihm standhält und im ungemilderten Bewusstsein der Negativität die Möglichkeit des Besseren festhält“.

Als der biedermeierliche Meister des Schrecklichen wird Adorno überleben. Sein Werk wird, entgegen seinen Erklärungen über die Unausweichlichkeit des Grauens, ein letztlich unstörbares Glücksverlangen und einen unterschwelligen Optimismus bezeugen. Vielleicht hat nichts die Wirkung der Philosophie Adornos so nachdrücklich befördert wie der unbeweisbare Eindruck, dass die Analyse des unerschöpflichen Fundus des Grauenhaften von einer tieferen Schicht eines unstörbaren Optimismus getragen war, für den es keinen verantwortbaren Ausdruck gab.

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