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Adornos Stil : Wenn Adorno spricht

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Adorno konnte „Amerikanisch“ besser als irgendeiner sonst im Lande - während an Ernst Bloch die Amerika-Erfahrung spurlos vorübergegangen war, niemand hätte ihm anmerken können, dass er dort gewesen war. Sein deutscher Orgelton übertönte alles. Adorno dagegen war zurückgekommen mit dem amerikanischen Schlüssel zu allem in der Hand, bei einer tiefen Abneigung gegen alles Amerikanische. Man könnte sich vorstellen, dass der Bruch mit Adorno darauf beruhte, dass seine linken Studenten ihm die amerikanische Versiertheit übelnahmen, darin dem bundesrepublikanischen Normalbürger gleich. Aber es kam etwas anderes hinzu: Man verzeiht den Emigranten nicht, dass sie anders geworden sind - eine Aussage in Adornos Manier, der selbst erstaunlich scharf für die emigrierten Intellektuellen urteilte wie über wenige sonst.

Sogar Adornos Unverständlichkeit hat adornitische Züge. Sie entsteht paradoxerweise aus Elementen einer in philosophischem Zusammenhang überraschenden Simplizität. Worte der Umgangssprache werden gleichrangig behandelt wie Begriffe. Wer der ungeformten Sprache seiner Studenten entgegenhalten konnte „Wer Hobbes sagt, sagt auch Ebbes“, musste für die Kuriosität, aber auch den ästhetischen Effekt von banalen Einsprengseln etwas übrighaben. Wenn dieser Philosoph banale Alltagsworte, Jargon benutzt, will er zeigen, dass er alles andere als weltfremd ist, um dann doch Dinge zu sagen, die jenseits jeder Banalität liegen - so wie Kunst aus irgendwo gefundenen Dingen gemacht wird.

Dunkle Lektionen

An neuralgischen Stellen jedoch ist dieses Verfahren alles andere als munteres Collagieren, sondern wirkt wie versiegelt. In der „Negativen Dialektik“ liest man, als ein Beispiel von vielen: „Das Gefühl, das nach Auschwitz gegen jede Behauptung von Positivität des Daseins als Salbadern, Unrecht an den Opfern sich sträubt, dagegen, daß aus ihrem Schicksal ein sei's noch so ausgelaugter Sinn gepreßt wird, hat sein objektives Moment nach Ereignissen, welche die Konstruktion eines Sinnes der Immanenz, der von affirmativ gesetzter Transzendenz ausstrahlt, zum Hohn verurteilen.“

Unverständlich ist ein solcher Satz nicht in seinen Teilen und im Ganzen nur insofern, als er zum Buchstabieren nötigen will und den Eindruck erweckt, es gebe keine andere mögliche Formulierung für den Sachverhalt. Jeder ernsthafte Philosoph muss, beherzigt man diese Lektion, angezogen sein vom Unverständlichen und das Dunkle suchen.

Das verlernte Schenken

Man kann es, und dies ist einer der verführerischsten Züge der Schriftstellerei Adornos, auch im vertraut Unauffälligen finden. Scheinbar empirische Feststellungen enthüllen ein phantastisches Wesen durch die Präzision, mit der sie Gestalt annehmen. „Die Menschen verlernen das Schenken“, davon handelt eines der schönsten Stücke in „Minima Moralia“. Es bleibt nicht bei dieser entspannten Feststellung. Denn unmittelbar darauf heißt es, dass die Industrie schon mit dem Verfall des Schenkens rechne: Dieser spiegele sich „in der peinlichen Erfindung der Geschenkartikel, die bereits darauf angelegt sind, daß man nicht weiß, was man schenken soll, weil man es eigentlich gar nicht will“. Diese Waren seien beziehungslos wie ihre Käufer: „Sie waren Ladenhüter schon am ersten Tag.“

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