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Adornos Stil : Wenn Adorno spricht

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Ohnmacht gegenüber den Fragen der Zeit

Man kann dies als Beispiel für die Irrtumsanfälligkeit radikaler Wahrnehmung nehmen und würde damit das Überraschende der intellektuellen Gestimmtheit der Nachkriegsgeneration verkennen. Viel, wenn nicht alles sprach ja auch für den Gedanken, den Adorno zuvor so entschieden zurückgewiesen hatte: dass „nach diesem Krieg das Leben ,normal' weitergehen oder gar die Kultur ,wiederaufgebaut' werden könnte“. Er erwies sich dann, zur Überraschung der meisten, als weniger idiotisch als angenommen. Thomas Mann hat das Bild, das Adorno in ihrem Briefwechsel vom Nachkriegsdeutschland entwarf, für reichlich kurios gehalten. So reden sich Professoren ihre geistige Umgebung schön.

Die anfangs verehrenden und alles aufnehmenden nachahmenden Schüler kamen dem Lehrer so nahe, dass sie von ihm sogar verlangten, er solle sein idealistisches Gebaren überdenken, überhaupt vom Ästhetischen zum Politischen weitergehen, um die praktische Wahrheit seiner Lehren zu überprüfen. In ihren Augen sträubte sich der Lehrer, der die subtilsten Denkereignisse protokollierte, gegen das grobe Raster der Wirklichkeit und machte sich, in die Macht des Wortes vernarrt, ohnmächtig gegenüber den Fragen der Zeit. Die Schüler sahen mit grausamer Schadenfreude zu, wie sie ihren Lehrer in eine ausweglose Lage brachten, aus der er sich nur glaubte befreien zu können, indem er die Polizei rief.

Die Legende seiner Unverständlichkeit

In den frühen sechziger Jahren galt das triumphale Fazit der Wirkung Adornos, das wiederum Joachim Kaiser bündig festgehalten hat: „Wer heute schreibt, spekuliert, politisiert, ästhetisiert, hat mit Adorno zu tun.“ Das war die Zeit von Adornos ungetrübtem Glanz. Man traf nicht nur überall auf Adorno, man musste sich auch mit ihm auseinandersetzen. „Kein Wunder“, schreibt Kaiser, „dass der allzu klangvolle Name Adorno bald zur Diskussions-Totschlagsformel geriet und entsprechende Abwehr provozierte.“ So entstand die Legende von der Unverständlichkeit Adornos.

Einerseits ging sie zurück auf seinen geradezu unwahrscheinlich perfekten mündlichen Vortragsstil. Wer etwa seinen Vortrag über Parataxe bei Hölderlin in der Berliner Akademie der Künste am Hanseatenweg hörte, wird sich des insistenten Tons erinnern, als sei jedes Wort gleich wichtig. Kein Entgegenkommen gegenüber dem Publikum, sondern ein Sog von präzisen Beobachtungen, die sich perlend auseinandergenerierten.

Ohne Pathos ließ der Redner sich von seinem Gegenstand tragen. Alles war momentan verständlich, aber unmöglich aus dem Gedächtnis wiederzugeben. Das entsprach wohl dem hohen Begriff von Artistik, den Adorno mit Geistern wie Paul Valéry teilte. Das ästhetische Credo verlangte eine Dichte und sachbezogene Präzision, die nicht auf Kosten der Verstehbarkeit, wohl aber der Resümierbarkeit ging. Das Verdichtete erlaubt keine nochmalige Verdichtung.

Experiment mit der Unverständlichkeit

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