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Bildband von Robert Frank : Die bedeutendste Reise der Fotografiegeschichte

New York City, New York: Der Bildband „Robert Frank In America“ gibt Einblick in die amerikanische Seele. Bild: © 2014 Robert Frank

Für sein Buch „Die Amerikaner“, einen Meilenstein der Fotografiegeschichte, hatte Robert Frank nur dreiundachtzig Motive ausgewählt. Nun zeigt ein Bildband, welch großartige Aufnahmen seiner Reise uns entgangen sind.

          3 Min.

          Es waren ausgedehnte Reisen, die der Schweizer Fotograf Robert Frank Mitte der fünfziger Jahre in den Vereinigten Staaten unternommen hat. Von New York nach Detroit zunächst, bald darauf von New York nach Savannah, Georgia. Das war im Sommer 1955. Und schon im Herbst darauf fuhr er in einem Straßenkreuzer von der Größe eines Schiffs von New York aus nach Miami, weiter nach San Francisco und anschließend, längst war es wieder Sommer geworden, über Indianapolis zurück nach New York. „Exakte Route von Indianapolis aus unbekannt; keine Fotografien“, heißt es buchhalterisch exakt zum letzten Stück der mehr als fünfzehntausend Kilometer langen Fahrt in dem jetzt erschienenen Bildband „Robert Frank in America“.

          Freddy Langer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Ansonsten sind auf einer Karte nicht nur die Strecken eingezeichnet, die Robert Frank genommen hat, sondern auch die Orte, an denen er seine berühmten Aufnahmen machte - während der wohl bedeutendsten Reise der Fotografiegeschichte. Noch einmal hatte sich ein Fotograf auf den Weg gemacht, das Land zu erkunden; fast so, wie knapp hundert Jahre zuvor all die Expeditionsfotografen, die im Auftrag der Regierung festhielten, wie es jenseits des Mississippis aussah. Was sie mit zurückbrachten, waren detaillierte Dokumentationen der Topographie: der Wüsten, Berge und Schluchten - Bilder eines Märchenlands, das vor ihnen kaum ein Weißer erblickt hatte.

          Erzählerisches Gesamtkonzept

          Bei Robert Frank sah das anders aus. Auch ihm wurde die Reise bezahlt: mit einem Guggenheim-Stipendium. Aber sein Auftrag an sich selbst war ein anderer. Er wollte „diese bestimmte Zivilisation“ festhalten, die sich in Amerika entwickelt habe und von dort aus ausbreite. Ihm schwebte nicht weniger als ein Blick in die Seele der Nation vor. Was er mit zurückbrachte, war erschütternd. Ein unverhohlener Rassismus sprach ebenso aus den Bildern wie eine bemitleidenswerte Entfremdung der Menschen voneinander. Bilder von Flaggen, Musikboxen, Autos und Kreuzen kehren dabei leitmotivisch wieder, fast wie das Thema einer Sinfonie oder der lautmalerische Rhythmus eines Gedichts.

          Heute gilt das Buch als Klassiker, und noch immer spürt man die Wucht, die von den Bildern, aber eben auch ihrer sehr sorgfältigen Zusammenstellung damals ausging - streng destilliert aus dem Material der insgesamt siebenundzwanzigtausend Belichtungen, von denen Robert Frank zunächst tausend Aufnahmen auf Papier abzog, bevor er die Auswahl für sein Buch „Die Amerikaner“ auf dreiundachtzig Motive zusammenstrich.

          Seine Arbeitsabzüge hat Robert Frank in den Sechzigern verkauft, um einen seiner Filme zu finanzieren. Und erst über Umwege landeten mehr als hundertfünfzig davon in der Sammlung des Cantor Arts Center der Stanford University in Kalifornien. Diese Bilder sind die Grundlage für das Buch „Robert Frank in America“. Die größte Überraschung: Die Bilder sind keineswegs schlechter als jene, die man kannte. Robert Frank, das wird hier deutlich, war es damals nicht um eine Best-of-Auswahl zu tun, vielmehr ordnete er jedes Motiv einem erzählerischen Gesamtkonzept unter.

          Kehrseite des amerikanischen Traums

          Einer solchen, klug ersonnenen Struktur folgt auch das neue Buch - Thema ist wiederum die Isolation des Menschen. Dabei beginnt der neue Band erheblich fröhlicher als das Werk von damals. Fast keck lupft auf dem ersten Bild ein älterer Herr in schweren Stiefeln und dicker Jacke seinen Hut, in der anderen Hand einige Unterlagen - und man würde sich nicht wundern, wenn er sagte: „Guten Tag, ich bin ihr Guide, darf ich sie mitnehmen auf eine Reise durch mein Land.“ Dann folgen Bilder anderer Männer, ähnlich zuversichtlich gestimmt, bis endlich einer von ihnen vor einem Berg Müll auf der Straße stehen bleibt und resigniert zu Boden schaut. Wie vor einem Scherbenhaufen. Und jetzt folgen auch hier nur noch Aufnahmen der Kehrseite des amerikanischen Traums.

          Wie Mehltau liegt allerorten Tristesse über dem Leben. Öde Landstriche, traurige Blicke. Selbst Stillleben mit Fernsehgeräten oder den Interieurs von Bars und Restaurants entlockt Robert Frank eine gesellschaftskritische Dimension. Enttäuschung spricht aus den Fotografien, die Enttäuschung eines Schweizers, der sich so viel vom vermeintlich gelobten Land versprochen hatte. Doch bei ihm gelingt es nicht einmal den Gesichtern von John F., Jacqueline und Robert Kennedy, die er 1956 in Chicago bei einer Wahlkampfveranstaltung aufgenommen hat, Optimismus auszustrahlen.

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