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Bild für Bild : Der Unbestechliche - Zum Tod von Billy Wilder

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Bild: AP

Billy Wilder ist tot. FAZ.NET erinnert in Wort und Bild an einen Regisseur, der schon zu Lebzeiten eine Legende war.

          3 Min.

          Billy Wilder ist tot. Im Alter von 95 Jahren erlag der Regisseur in seinem Haus in Beverly Hills einem Lungenleiden.

          Der Filmemacher, Drehbuchautor und sechsfache Oscar-Preisträger starb, wie erst jetzt bekannt wurde, in der Nacht zum Donnerstag im Alter von 95 Jahren in seinem Haus in Beverly Hills. Er sei „friedlich entschlafen“, sagte sein langjähriger Freund, der Filmproduzent George Schlatter.

          Kritiker der bürgerlichen Scheinmoral

          Wilder gehörte zu den großen Regisseuren des 20. Jahrhunderts. Er drehte Komödien, in denen er die bürgerliche Scheinmoral und den amerikanischen Way of Life leise verspottete. In „The Apartment“ zeigte er einen Buchhalter, der Beförderungen dadurch bekommt, dass er sein Apartment Vorgesetzten für ihre außerehelichen Liebschaften zur Verfügung stellt. Die Helden seiner Filme waren oft Gigolos und Ehebrecher.

          Marilyn Monroe und Tom Ewell in Wilders „Das verflixte siebte Jahr”, 1955
          Marilyn Monroe und Tom Ewell in Wilders „Das verflixte siebte Jahr”, 1955 : Bild: dpa

          So auch in seinen berühmten Komödien „Manche mögen's heiß“ und „Das verflixte siebte Jahr“. Mit diesen Filmen machte er, nebenbei, aus einer Schauspielerin einen Weltstar, die alles andere als bürgerlichen Anstand verkörperte.

          Stationen eines Emigranten

          Wilder wurde am 22. Juni 1906 in Sucha in Galizien geboren. Ab 1914 wuchs er in Wien auf. Er besuchte dort ein Realgymnasium und begannanschließen ein Rechtsstudium an der dortigen Universität. Nach kurzer Zeit wechselte er in Journalismus.

          Er arbeitete zunächst als Reporter für die Zeitung „Die Stunde“ und für „DIe Bühne“ in Wien. 1926 ging er nach Berlin und arbeitete dort für Zeitungen. In Berlin begann er auch, Drehbücher zu schreiben, so 1929 für den Film „Der Teufelsreporter“. Im selben Jahr schrieb der für den Regisseur Robert Siodmak das Drehbuch zu dessen Erfolgsfilm „Menschen am Sonntag“.

          So bekam gleichen Wilder Zugang zur Ufa, für die er weitere Drehbücher verfasste. Eine Woche nach dem Reichstagsbrand im Februar 1933 emigrierte Wilder über die Zwischenstation Paris in die Vereinigten Staaten. Er nahm später die amerikanische Staatsbürgerschaft an. Als Wilder in Hollywood ankam, sprach er kein Wort Englisch. In Hollywood schrieb er unter anderem das Drehbuch für den Lubitsch-Film „Ninotschka“.

          Im Krieg sammelte er erste Regie-Erfahrungen. 1943 drehte er mit „Double Indemnity“ (“Die Frau ohne Gewissen“) sein erstes Meisterwerk - einen film noir.

          Viele fanden ihn belanglos

          Wilder drehte mehr als dreißig Filme und wurde zu einer lebenden Legende im Filmgeschäft. Er hinterließ in den verschiedensten Genres beeindruckende Filme: von dem Kriminalfilm „Zeugin der Anklage“ (1958) über den sozialkritischen Streifen „The Apartment“ (1960) bis zu seinen „Manche mögen's heiß“ und „Das Mädchen Irma La Douce“.

          Die Komödien zeichnen sich durch ihr schlagfertigen, temporeichen Dialoge und durch ihren Wortwitz aus. In Europa machte er sich zur Zeit der „Nouvelle Vague“ damit wenig Freunde. Viele fanden diese Filme „belanglos“. Der Regisseur nahm's gelassen: „Ich versuche einen Film, so einfach und so elegant wie möglich zu drehen, ohne Mätzchen, ohne Eisenstein-Einstellungen.“ Gleichzeitig machte er sich lustig über die „jungen Regisseure, die „mit der Kamera in der gegend herumfuchteln oder eine Einstellung durch das Feuer im Kamin fotografieren.“ Diese Tricks seien nur dazu da, „das Bürgertum und die Kritiker aus der Mittelschicht zu erstaunen.“ Er wollte, so sagte er, dass die Leute in seinen Filmen „vergessen, dass es da eine Kamera und einen Regisseur gegeben hat.“

          Dieselbe Kritik, die ihn dafür schmähte, dass er nach dem „Box-Office-Erfolg“ schiele, feierte Wilder dann schon bald als „Klassiker“. Trotdzem gelang ihm seit den 60er Jahren kein Kassenerfolg mehr. Die Satire „Eins, zwei, drei“ über einen Coca-Cola-Manager im Westberlin der frühener 60er Jahre wurde zwar später zum Kultfilm, war jedoch 1961 ein kommerzieller Flop. Nach seinem letzten Film Buddy Buddy“ (1981) konnte er die großen Studios nicht mehr dazu überreden, mit ihm einen Film zu drehen.

          Doch seine Meisterwerke blieben unvergessen. 1986 wurde der sechsfache Oscar-Preisträger mit dem American Film Institute's Lifetime Achievement Award für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Anlässlich der 60. Oscar-Verleihung wurde er 1988 mit dem Irving-Thalberg-Preis geehrt.

          Hollywood in Trauer

          Die Todesnachricht löste in Hollywood Trauer aus. Shirley MacLaine, die mit dem Regisseur in dem Oscar-gekrönten Film „Das Apartment“ und in „Irma La Douce“ zusammenarbeitete, sagte, der Meister werde im Himmel bestimmt ein weiteres großes Werk schreiben und verfilmen. Sie habe von ihm mehr gelernt als von jedem anderen und werde ihn „bis zum Wiedersehen“ vermissen.

          Freunde der Familie sagten, für Wilders Frau Audrey sei der Verlust besonders schwer. Nach 53-jähriger Ehe hätten sich die beiden immer noch sehr geliebt.

          Vorbild für viele

          Wilders oft sarkastische Sicht auf den amerikanischen Lebensstil und zugleich seine Kritik an autoritärem Gehabe beeinflussten auch eine Reihe der heute erfolgreichen Filmemacher, unter ihnen Steven Soderbergh und Curtis Hanson. „Sein Geist und seine ganze Persönlichkeit waren so stark, das man sich einbildete, er würde immer da sein“, sagte Hanson in einer ersten Reaktion. Trotz seiner zynischen Ader sei Wilder jedoch „ein großer Humanist“ gewesen.

          Wieviel menschliche Größe er besaß, dass zeigte sich an dem Humor, zu dem er auch in bitteren Momenten fähig war. Wilder hatte seine Mutter, eine Großmutter und andere Verwandte im Konzentrationslager Auschwitz verloren. Nach dem Krieg war er kurze Zeit dafür zuständig, zu verhindern, dass Alt-Nazis in der amerikanischen Filmindustrie Fuß fassten. Als ihn einmal der Direktor der Oberammergauer Passionsspiele fragte, ob ein ehemaliger Nazi den Jesus spielten dürfe, antwortete Wilder: „Ja, wenn die Nägel echt sind.“

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