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Kolumne „Bild der Woche“ : Eine kleine Parade

  • -Aktualisiert am

22. September 1939, Brest-Litowsk: die deutschen Besatzer gehen, die sowjetischen Besatzer nehmen die damals polnische, heute weißrussische Stadt ein. Bild: akg-images

Brest-Litowsk, September 1939: Truppen der Wehrmacht „übergeben“ die polnische Stadt an die Sowjetunion. In der es den „Hitler-Stalin-Pakt“ offiziell nicht gab. Dieses Foto aber macht ihn sichtbar.

          Über diese heute weißrussische Stadt Brest sind immer wieder Kriege gestolpert, wurden Grenzen neu gezogen, auch Frieden wurde hier gesucht. Der Ort auf dem Foto – das polnische Brześć nad Bugiem oder Brest-Litowsk – wurde von deutschen Truppen im September 1939 besetzt und wird hier gerade an die Sowjetunion „übergeben“.

          Dieses Bild macht uns zu Zeugen dieser „Übergabe“ und zu direkten Zeugen des Hitler-Stalin-Paktes. Auch diese gemeinsame Parade von sowjetischen und deutschen Truppen am 22. September 1939 markiert die „erfolgreiche“ Aufteilung Polens, mit der der schlimmste Krieg aller Zeiten beginnt. Brest wird sowjetisch. Hier verläuft jetzt die Grenze.

          Keiner dieser Menschen auf dem Foto ist hier zu Hause, sie sind alle Eroberer – ob enthusiastisch oder erzwungen. Auch sie geraten in die Falle des Paktes, in die absurde Spirale der Gewalt, die bald eine industrielle Dimension erreichen wird. Ahnen sie, was hier vor sich geht – und was sie hier noch tun werden? Nur einige.

          Noch zwei Jahre zu leben

          Zum Beispiel die beiden Männer ganz vorne. Sie tragen eine NKWD-Uniform. Sie sind mit einer Garnison des sowjetischen Geheimdienstes nach Brest gekommen, zur Liquidierung der polnischen Eliten. Tausende polnische Offiziere sind bereits von Deutschen inhaftiert, sie werden von NKWD–Männern umgebracht (auch dies eine in der Sowjetunion verschwiegene Geschichte, die ihren Höhepunkt in Katyn erreicht hat). Ein Drittel der Bevölkerung der Stadt ist jüdisch. Sie hat noch zwei Jahre zu leben.

          Aber zuerst sehen wir eine deutsche Musikkapelle. Alle tragen Helme, sind einheitlich uniformiert und schauen nach vorne. Im Vordergrund sind sowjetische Soldaten und Offiziere, müde, vielleicht auch ängstlich. Sie haben gerade erst die Stadt erreicht, nach aufreibendem Marsch. Es gibt etwas Unheimliches in diesem Bild, nicht nur wegen der direkten Blicke der sowjetischen Soldaten. Das Provinzielle an diesem fatalen Rendezvous passt nicht zusammen mit dem Ausmaß des Geschehens, mit der Evidenz des Verbrechens. Die deutschen und sowjetischen Truppen stehen zusammen im polnischen Brest – mit Reichsadler und rotem Stern.

          In meiner Kindheit gab es keinen „Pakt“. Es gab nur den „Überfall“. Ein endloser tragischer Krieg. Bis zum Ende der achtziger Jahre wurde der Pakt in der Sowjetunion komplett verschwiegen, weil er den Glauben an den Mythos vom Großen Vaterländischen Krieg erschüttert hätte. Keiner von uns hat jemals solche Bilder gesehen.

          Dann „kam“ erst der Krieg

          Der heutige russische Kulturminister Wladimir Medinski hat Fotos von dieser Parade als „einen geschickten Filmschnitt“ bezeichnet. Als ich 1987 mein Examen in Geschichte ablegte, wurden die Eroberungen von Ost-Polen und dem Baltikum in meinen Lehrbüchern immer noch als „die Erweiterung der brüderlichen Familie der Sowjetvölker“ bezeichnet. Buchstäblich. Und dann „kam“ erst der Krieg.

          Es war wie ein Mantra der sowjetischen Geschichtsschreibung: „Am 22. Juni 1941 hat das faschistische Deutschland ohne Kriegserklärung in einem verräterischen Akt die Sowjetunion überfallen“ – und so wahr dies auch ist, gibt es auch eine andere Wirklichkeit: Die Sowjetunion war bereits am 17. September 1939 in den Krieg eingetreten – als Aggressor.

          Bei mir zu Hause gibt es eine Rarität aus alten Zeiten, eine „physische Karte der Ukraine“, die für die sowjetischen Schulen im Januar 1941 – fünfeinhalb Monate vor dem Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion! – gedruckt worden ist. Wenn ich sie ansehe, versetzt sie mich in Schrecken. Anstelle des Wortes „Polen“ steht dort geschrieben: „Bereich der staatlichen Interessen Deutschlands“. Ein Indiz dafür, dass Stalin einen Teil Polens Hitler zuerkannt und den anderen selbst geschluckt hatte.

          Zwei Männer schauen in Verlorenheit auf uns. Werden diese heutigen „Eroberer“ zu Helden, wie ihnen in meinen sowjetischen Schulbüchern gehuldigt wurde? Oder haben sie bereits Angst vor den NKWD-Schergen neben ihnen? Falls sie den Überfall in der Festung überlebt haben, sind sie sicher in deutsche Kriegsgefangenschaft geraten, und wenn sie auch diese überlebten, landeten sie im GULag, als „Verräter“ – obwohl es meistens Strategen sind, die ihre Menschen verraten.

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