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Kolumne „Bild der Woche“ : Am Schwarzen Meer

  • -Aktualisiert am

Vanessa Winship. Untitled from the series Black Sea: Between Chronicle and Fiction, 2002-2006 Bild: Vanessa Winship

Jedes Foto ist das Fragment einer Welt: Zwei Kinder stehen auf Vanessa Winships Bild in der Dämmerung am Ufer und sehen etwas – hingerissen, überwältigt. Was ist passiert?

          3 Min.

          Zwei Kinder stehen am Ufer des Meeres und schauen staunend zum linken Rand des Fotos. Sie sehen etwas, das wir nicht sehen. Wir starren auf ihre Starre, auf ihre Schönheit. Wir wissen nicht, was sie so plötzlich erblicken, und auch nicht, was sie noch vor einer Sekunde gespielt haben. Das Plötzliche schafft Zeit.

          Ein Glas auf dem Hafenpoller, ein Stock in der Hand. Hat das Mädchen mit dem Stock-Stab gezaubert? Der Junge hält vielleicht einen kleinen Stein, den man ins Wasser wirft, um ihn möglichst häufig springen zu lassen. Es sieht so aus, als hätte das Mädchen gerade etwas auf den Poller geschrieben oder gemalt. Hat sie gefangene kleine Krebse oder Muscheln gezählt? Das Foto verbirgt nicht nur das Geheimnis des unterbrochenen Spiels, sondern auch eine trübe Zukunft, die außerhalb unseres Blickwinkels liegt. Unsere Erwartung wird nicht eingelöst. Auch der Himmel ist bedeckt. Haben die Kinder gerade einen Blitz gesehen?

          Beinahe mystisch

          In dieser Halbdämmerung wirkt das adrett gekleidete Mädchen beinahe mystisch: leuchtendes Gesicht, offener Mund, weit aufgerissene Augen. Sie steht leicht nach vorne gebeugt und ist vor Überraschung so hingerissen und erstarrt, als hätte sie ein Ufo gesehen. Auch der Junge schaut neugierig, aber zurückhaltender. Ein Junge eben.

          Jedes Foto ist das Fragment einer Welt, aus Zeit und Raum herausgerissen. Wir können nur dieses Fragment sehen, das sich als ganze Welt darzustellen versucht oder als einen repräsentativen Teil davon – wenn nicht als Metapher, dann als Pars pro Toto. Jedes Foto birgt eine Vergänglichkeit. Nichts wird wieder so sein wie in diesem verewigten Moment, als die Kinder im Hafen einer Stadt am Schwarzen Meer ins Staunen geraten. In ihrer Serie „Black Sea“ fotografiert die Britin Vanessa Winship Menschen an den Grenzen des Raums und an den Brüchen der Zeit: in den Grenzgebieten der Türkei, an den Rändern der Gesellschaften auf dem Balkan, entlang der Ufer des Schwarzen Meeres.

          Auf dem Asphalt wiederholt sich das Spiel

          Spielort der Kinder ist ein Hafenpoller-Zaubertisch, hier werden Schiffe festgemacht, mit einem dicken Tau. Und vielleicht passiert auch hier etwas ganz Gewöhnliches, das ein Wunder ergeben kann. Wenn große Schiffe ankommen, verdecken sie die ganze Welt. Vielleicht haben die Kinder gerade solch ein Riesenschiff erblickt, das ganz nah ist? Und größer als alles, was sich bewegen kann? Größer als die Berge am Horizont?

          Die Kinder schaffen mit ihrer Halbbewegung eine merkwürdige, nur leicht angedeutete Symmetrie. Im Hintergrund stehen zwei Hafenkräne, die in die andere Richtung nicken, so dass sie die Körper und Arme der Kinder spiegeln, ein Echo zwischen der Kinder- und der Erwachsenenwelt. Dieses Echo ist erstaunlich und trügerisch zugleich: zwei Kinder, zwei Kräne, zwei ähnliche Bäume, die nochmals im Wasser gespiegelt werden, die geschwungenen Streifen im Meer, die die Form der Berge wiederholen, Wolken, die im Wasser reflektieren, ein heller Teil, der andere dunkel.

          Auf dem Asphalt wiederholt sich das gleiche Spiel, als würde sich das Meer im Himmel widerspiegeln und dann wieder auf dem Asphalt: wellenhafte Ähnlichkeiten, die Unterschiede betonen. Eine schwarzweiße Bordüre, wie ein Kalibrierstreifen, läuft diagonal über das kontrastarme Bild.

          Im Hafen wird ausgeladen und eingeladen, zwischen Chronik und Fiktion. Es könnte das georgische Batumi sein. Irgendwohin in diese Gegend strebten die Argonauten auf der Suche nach dem Goldenen Vlies. Am Ufer steht ein Haus, und erst jetzt merke ich, dass es wohl Abend ist, da im Haus schon die Lichter brennen. Am Ufer ist ein Schiff zu sehen. Auf vielen Fotos von „Black Sea“ zeigen Schiffe ihre glatte gutgenährte Seite, aber nur in einem Ausschnitt: Sie sind zu massiv, um vollständig zu erscheinen.

          Bewegung und Fortbewegung ist überall in den Bildern von Vanessa Winship (Ship – sic!) zu spüren. Schiffe, Brücken, Übergänge, Grenzen. Menschen an Bahnsteigen, vor den Zügen, die alle in verschiedene Richtungen schauen, rennende Jungs, ein Mädchen, das ins Wasser springt und für immer schweben bleibt, und häufig kommen auf den Bildern Tanzende vor, Kinder oder Erwachsene, die noch auf den Tanz warten, sie befinden sich noch vor dem Auftritt, vor ihrer märchenhaften Verwandlung.

          Dieses Foto verbirgt eine unvorhersehbare Zukunft, die außerhalb unseres Sehens liegt und die so groß ist wie das sich langsam nähernde Schiff, das den ganzen Horizont einnehmen kann. Es gibt ein rufendes Signal ab. Die Kinder hören es, wir aber nicht.

          Vanessa Winship: And Time Folds

          Barbican Art Gallery, London, UK

          Until 2 September 2018

          Barbican.org.uk

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