https://www.faz.net/-gqz-8exny

Krim-Annektion : Der Glamour der Macht

  • -Aktualisiert am
„Wir sind zusammen“ steht auf dem Transparent  dieser Putin-Freunde auf der Krim.
„Wir sind zusammen“ steht auf dem Transparent dieser Putin-Freunde auf der Krim. : Bild: Alexander Kadnikov

Der imperiale Mythos, in dessen Zentrum die Krim liegt, wurzelt in der Zeit Katharina der Großen. Die Umgestaltung Russlands nach dem westeuropäischen Vorbild durch Peter den Großen lehnen viele Russen seit jeher als zu unterwürfig ab. Das wesentlich ansprechendere Phantasiereich Katharinas entstammt der klassischen Antike, ist direkter Nachfahr von Byzanz und hat den Anspruch, das eigentliche, mindestens gleichberechtigte Europa zu sein.

Die Eroberung der Krim war ein Teil von Katharinas an der politischen Realität gescheitertem Plan, das gesamte Südeuropa unter ihrer Herrschaft zu vereinen und einen ihrer Enkel auf den Thron Konstantinopels zu setzen. Die muslimischen Krimtataren passten nicht in diese Phantasie und wurden daher zu Hunderttausenden in die Flucht getrieben.

Imperiale Mythen leben wieder auf

Die meisten anderen Länder unterwarf Russland, ohne deren Gesellschaft zu zerstören oder deren Bevölkerung zu vertreiben. Die Krim aber wurde nicht als Staat mit einer langen Geschichte, entwickelter Infrastruktur und hochkomplexer Gesellschaft behandelt, sondern als Fläche, die es neu zu besiedeln und mit neuen Inhalten zu füllen galt.

Das ging natürlich nicht von einem Tag auf den anderen. Der polnische Nationaldichter Adam Mickiewicz, der die Krim 1825 bereiste, bewunderte noch die Reste des krimtatarischen Staates und den toleranten Geist ihrer Gesellschaft. Der russische Dichter und Krimliebhaber Maximilian Woloschin beklagte am Anfang des 20. Jahrhunderts ihr Verschwinden und die Leere, die danach entstanden sei.

1944 wurden die zur Minderheit im eigenen Land geschrumpften Krimtataren zusammen mit fast allen anderen ortsansässigen Volksgruppen deportiert und, im Gegensatz zu allen anderen, jahrzehntelang an einer Rückkehr gehindert. Fast alle Orte, die krimtatarische Namen trugen, wurden umbenannt.

Krimtataren werden schikaniert

Jetzt wirken die Überreste ihrer Zivilisation genauso exotisch wie altgriechische Ruinen oder die Höhlenstädte der Karäer, obwohl etwa 200.000 Krimtataren wieder in ihrer Heimat leben. Und Putin kann in seiner Anschlussrede behaupten, die Krim sei urrussisches Gebiet.

Kein Wunder, dass die neuen Machthaber die Krimtataren schikanieren, ihre Selbstverwaltung verbieten, ihre Medien schließen und ihre Aktivisten verschleppen und ermorden. Mehrere tausend Krimtataren siedelten nach der Annexion in die Festland-Ukraine um, der krimtatarische Fernsehsender ATR sendet nun aus Kiew.

Die russische Tradition, die Krim als Territorium und nicht als Gesellschaft zu betrachten, betrifft alle Bewohner der Halbinsel, unabhängig von ihrer ethnischen Zugehörigkeit. Der Schutz der vermeintlich bedrohten Russen war der offizielle Vorwand für die Besetzung, doch eigentlich ist die russische Haltung gegenüber Krimbewohnern eher negativ und von Vorurteilen geprägt.

Sie billigten die Abschaffung des Rechts

Sie seien faule Schmarotzer, die nur vom Vermieten ihrer Immobilien an Touristen leben, sie seien keine echten Patrioten Russlands und hätten bloß vom russischen Reichtum profitieren wollen. Jetzt, wo die Annexion keine blühenden Landschaften mit sich brachte, wollten sie nur jammern, während die echten Russen in Russland die eigentliche Last der Wiederherstellung historischer Gerechtigkeit trügen. Das erinnert fatal an den herzkranken Patienten.

Weitere Themen

Kein Schutz für Muratow

Putin und der Nobelpreis : Kein Schutz für Muratow

Wladimir Putin mahnt den russischen Friedensnobelpreisträger Dmitrij Muratow zur Vorsicht. Der Chefredakteur der kremlkritischen Zeitung Nowaja Gaseta könnte als ausländischer Agent eingestuft werden.

Topmeldungen

Die Verfassungsrichter Susanne Baer und Stephan Harbarth am 15. Januar 2019 in Karlsruhe

Bundesverfassungsgericht : Ein Abendessen mit Nebenwirkung

Im Juni trafen sich Bundesverfassungsrichter mit Mitgliedern der Bundesregierung. Daraufhin versuchte es erst die AfD mit einem Befangenheitsantrag. Nun hatte das Gericht über einen weiteren zu entscheiden.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.