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Big Data & Social Physics : Wie wir gern leben sollen

Erläuterungen für das Führungspersonal: Alex Pentland auf dem „Blouin Creative Leadership Summit“ in New York (2011) Bild: Getty Images for The Louise Blou

Das Versprechen von Big Data lautet, dass sich jedes Problem durch eine App lösen lässt. Die Politik beginnt an diese Maxime zu glauben und sieht sich nach einem neuen Typus von Sozialingenieuren um.

          7 Min.

          Die Menschen, hat der berühmte Psychologe Daniel Kahneman herausgefunden, sind nicht besonders gut darin, vernünftige egoistische Entscheidungen zu treffen. Sie geben sich spontanen Vergnügungen hin, statt für ihren Ruhestand zu sparen, verschwenden Strom und Wasser, essen Schokoriegel statt Obst oder nehmen Drogen, obwohl sie gar nicht wollen. Und wenn man sie mit irrelevanten Informationen verwirrt, verlieren sie völlig den Überblick. Für die Individuen bedeutet das, dass sie sich ständig zu Dummheiten hinreißen lassen, die sie später bereuen. Wie aber soll die Politik mit ihnen umgehen? Wie regiert man ein Volk unberechenbarer Triebtäter?

          Harald Staun

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Die Bundesregierung hat sich in der vergangenen Woche entschieden, einen Ansatz zu verfolgen, der seit ein paar Jahren vor allem in angelsächsischen Ländern als Zauberinstrument des Bürgermanagements gilt: „Nudging“ heißt die Methode, nach dem einflussreichen Buch „Nudge“ (Schubser), das der Ökonom Richard Thaler von der Universität Chicago und der Harvard-Jurist Cass Sunstein 2008 veröffentlichten. Statt mit Verboten oder Sanktionen, so die Grundidee ihrer Theorie, könne man Menschen viel wirkungsvoller mit kleinen Psychotricks aus dem Werkzeugkasten des Behaviorismus zu ihrem Glück treiben.

          Wer etwa Schüler dazu bringen will, gesünder zu essen, so das bekannteste Beispiel eines solchen Schubsers, muss dazu Nachspeisen weder abschaffen noch teurer machen: Es reicht, sie in der Cafeteria hinter dem Obst zu verstecken. „Libertärer Paternalismus“ nennen Thaler und Sunstein ihre Bewegung, weil sie zwar das Verhalten der Menschen in die richtige Richtung lenken, aber am Ende die individuelle Entscheidungsfreiheit erhalten möchte. Niemand, behaupten sie, soll daran gehindert werden, zu rauchen oder sein Geld falsch anzulegen, er soll es nur im Bewusstsein tun, wie schlecht es für ihn ist. Ihr Mittel ist die Veränderung von „Entscheidungsarchitekturen“, sie wollen sozusagen die Wege zum besseren Leben besser ausschildern.

          Design für politische Vorhaben

          Sunstein war ein paar Jahre in der Regierung seines Freundes Barack Obama tätig, der größte Fan seiner Ideen aber ist der britische Premierminister David Cameron. Er empfahl „Nudge“ als Pflichtlektüre und rief 2010 das „Behavioral Insights Team“ ins Leben, in dem Verhaltensforscher sich wirksame Schubser ausdenken sollten, damit Menschen ihre Steuern schneller zahlen oder ihre Organe bereitwilliger spenden. Mittlerweile gilt Camerons Schubsertruppe als Vorhut der Bewegung, an die wohl auch die Bundesregierung dachte, als sie im Koalitionsvertrag erklärte, sie wolle künftig „wirksam und vorausschauend regieren“.

          Seit dieser Woche sucht das Kanzleramt nun offiziell nach drei Referenten mit hervorragenden „psychologischen, soziologischen, anthropologischen, verhaltensökonomischen bzw. verhaltenswissenschaftlichen Kenntnissen“. Sie sollen an der „Entwicklung alternativer Designs von politischen Vorhaben auf der Grundlage qualitativer Situations- beziehungsweise Problemanalysen“ arbeiten. Was damit gemeint ist, kann man am britischen Vorbild erkennen: Das „Behavioral Insights Team“ hat unter anderem dafür gesorgt, dass Hausbesitzer ihre Dachböden isolieren, indem man sie statt mit Zuschüssen mit einem kostenlosen Aufräumservice lockte, oder die Begleichung von Steuerschulden beschleunigt, indem man Betroffene darauf hinwies, dass die meisten Nachbarn schon bezahlt hatten. Allein durch den Versand von persönlichen Textnachrichten an Menschen, die mit ihren Prozesskosten in Verzug waren, sparte die Verwaltung Millionen von Euro.

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