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Big Data & Social Physics : Wie wir gern leben sollen

Was fehlt im idealistischen Weltbild der Gesellschaftsingenieure, sind nicht nur Akteure, die, wie es ja auch bisher schon ausgiebig praktiziert wird, das Wissen über Entscheidungsmuster gegen die Menschen verwenden, also etwa die Artikel im Supermarkt nach Motiven anordnen, die eher den Interessen der Verkäufer dienen als jenen der Kunden. Was die Sozialphysiker völlig ausklammern, sind vor allem die eigenen Voraussetzungen und Ziele. In welche Richtung ein Staat seine Bürger schubsen sollte, welche Werte und Interessen er fördern oder aufgeben sollte, das lässt sich eben nicht aus Daten auslesen, die ja selbst nur Beobachtungen von Routinen sind, Aussagen über Reaktionen auf schon vorhandene Systeme.

Die Frage ist, woher solche Verhaltensökonomen wissen wollen, wie die Menschen gerne leben würden; aus den Wünschen und Präferenzen, die sie freizügig im Netz verbreiten, offenbar nicht. Gerade weil sein Ansatz von solchen Idealen frei ist, hält ihn Pentland für überlegen: „Die Macht von Big Data“, schreibt er, „besteht in den Informationen über das Verhalten der Menschen, nicht über ihre Ansichten. Es geht nicht darum, was man auf Facebook postet oder bei Google sucht. Auf Facebook veröffentlicht man, was man den Leuten erzählen möchte. Wer man wirklich ist, wird davon bestimmt, wo man seine Zeit verbringt und welche Dinge man kauft.“

Regeln für die „open data society“

Dass es für Arbeitslosigkeit, Armut, Gewalt oder Rassismus auch Ursachen gibt, nicht nur Umstände, interessiert die Verhaltensdesigner kaum. Ihr soziales Mikromanagement zerlegt gesellschaftliche Aufgaben in immer kleinere Probleme und vergisst darüber, worum es der Politik eigentlich gehen sollte, nämlich darum, solche Aufgaben erst einmal zu debattieren. Das Vertrauen in verhaltensökonomische Methoden verschiebt den Fokus politischen Handelns auf Probleme, die sich mit ein paar Klicks lösen lassen. Ob es aber auch bald Apps gegen Antisemitismus oder Waffenlieferungen geben wird, ist fraglich.

Immerhin ist sich Pentland bewusst, dass die Voraussetzung für eine „open data society“ eine bessere Kontrolle der Bürger über ihre Daten ist. Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos setzt er sich für einen „New Deal on Data“ ein, dem es weniger um radikalen Datenschutz geht als um eine möglichst präzise Verwaltung der eigenen Daten. Statt pauschale Einwilligungen zur Verwendung ihrer Daten anzuklicken, die gewissermaßen immer auch den Missbrauch der Daten erlauben, könnten die Menschen genau jene Informationen freigeben, die sie in bestimmten Situationen bereit sind zu offenbaren. Umgekehrt setzt dies komplette Transparenz voraus, was die Verwendung der Daten betrifft, gerade im öffentlichen Bereich.

Bis zur Bundesregierung scheint sich dieses Detail noch nicht herumgesprochen zu haben: Bei der Pressekonferenz, auf der sie ihr neues Projekt ankündigte, empfahl Regierungssprecher Georg Streiter den Journalisten, ihre Recherchen nicht zu sehr zu vertiefen. Er fürchtet, meinte er, es könne sie „langweilen oder überfordern“.

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