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Big Data & Social Physics : Wie wir gern leben sollen

Das Leben selbst als Labor

Um an die Gigabyte von Daten zu kommen, die er analysiert, zapft er entweder die mobilen Geräte seiner Probanden an und misst alle paar Minuten bis zu dreißig „Verhaltensvariablen“, oft monatelang. Oder er stattet sie mit sogenannten Soziometern aus, handygroßen Apparaten, deren verschiedene Sensoren eine erstaunliche Bandbreite sozialer Signale messen können: Welchen Ton die Stimme hat, wie groß der physische Abstand der Gesprächspartner ist, wie oft sie sich unterbrechen, wie viel sie gestikulieren oder ob sie sich anschauen, wenn sie miteinander reden.

Pentlands Traum ist das „lebende Labor“, das sämtliche Verhaltensmuster „sozialer Organismen“ im Alltag misst. „Wir brauchen Gemeinschaften“, schreibt er, „die bereit sind, unsere Versuchskaninchen zu sein, um unsere Ideen zu testen und zu beweisen.“ Die ersten Versuchskaninchen hat er schon gefunden: Die italienische Region Trentino hat mit Pentlands Hilfe (und jener von zwei großen Telefongesellschaften) das Projekt „Trentino as a Lab“ begonnen. Über hundert Familien benutzen dort seit zwei Jahren eine App, die ihnen helfen soll, Gleichgesinnte zu finden, gemeinsam Zeit zu verbringen und sich bei der Lösung von Elternproblemen zu helfen, und zwar indem sie all ihre Daten (Hobbys, Alter der Kinder, Aufenthaltsort) miteinander teilen. Für ein anderes Projekt namens „SecondNose“ wurden fünfzig Probanden mit Armbändern ausgestattet, die ständig die Luftqualität messen, eine Art Vorhut einer alles registrierenden Bürgerarmee: „Jeder Bürger“, das jedenfalls ist das Ziel des Projekts, „wird in Zukunft dazu beitragen, indem er zum lebenden Sensor wird: mehr Daten, mehr Genauigkeit, weniger Kosten.“

Der Nutzen solcher Daten scheint auf der Hand zu liegen – solange es darum geht, soziale Systeme auf die Bedürfnisse der Menschen einzustellen. Schließlich kann niemand etwas dagegen haben, den Nahverkehr so zu gestalten, dass Busse perfekt ausgelastet sind oder dank intelligenter Straßenlaternen, die die Bewegungsprofile der Bürger berücksichtigen, Stromkosten zu sparen. Am Ende will Pentland mit seinen allgegenwärtigen Livedaten nicht nur Epidemien vorhersehen und eindämmen können, sondern auch Börsencrashs und Revolutionen.

Und wer bestimmt die Ziele?

Die Gefahr einer datengetriebenen Gesellschaft ist aber, dass sie auf die umgekehrte Konsequenz hinausläuft: dass man das Verhalten der Menschen so designt, dass sie innerhalb der Systeme besser funktionieren. Dass man ihnen beibringt, sich möglichst reibungslos durch das Labor zu bewegen, statt wie dumme Ratten, die nach einem Ausgang suchen, ständig gegen die Wand zu laufen und sich Elektroschocks abzuholen. Mit „Nudge“-Praktiken kann man womöglich Menschen zum Umsteigen auf öffentliche Verkehrsmittel bewegen, an verspäteten Zügen ändern sie aber nichts. Auch Pentland weiß sehr viel darüber, wie die Politik sozialen Druck effektiv als Mittel einsetzt, um etwa Ernährungsgewohnheiten zu ändern; wie man ökologische Landwirtschaft konkurrenzfähig macht, davon hat er keine Ahnung.

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