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Big Data & Social Physics : Wie wir gern leben sollen

Trotzdem ist vielen Bürgern die Vorstellung nicht sympathisch, mit raffinierten psychologischen Mitteln zur Vernunft gebracht zu werden. Die einen kommentieren die Pläne mit Häme („Muss die Kanzlerin auf die Couch?“), andere, wie etwa die amerikanische Rechte, die sich von jeder staatlichen Einmischung bevormundet fühlt, sieht darin manipulative Machttechniken Orwellschen Ausmaßes. Das entscheidende Problem des verhaltensökonomischen Ansatzes ist aber weder sein paternalistisches Element noch sein manipulativer Charakter, beides ist schon immer wesentlicher Teil jeder Politik: Steuersätze, Subventionen, Infrastrukturen, Stadtplanung, Sozialsysteme, all das sind Instrumente, die ein bestimmtes Verhalten der Bürger intendieren. Was „Nudging“ von weniger technokratischen Konzepten politischen Handelns unterscheidet, ist, dass es Politik nur noch als Management individueller Aktionen begreift, die es zu irgendeinem allgemeinguten Ziel leiten will.

Zuerst die Daten, dann die Stellschrauben

Die Ziele selbst stehen dagegen gar nicht zur Debatte. Dem Nudge-Prinzip, das ist gewissermaßen der paradoxe Marketingtrick, mit dem es sich selbst verkauft, liegt gar kein paternalistisches Denken zugrunde, keines also, welches sich für das Wohl der Bürger verantwortlich fühlen würde, sondern ein zutiefst neoliberales Politikverständnis: Nicht ein schlechtes Gesundheitssystem ist an Krankheiten schuld, sondern ungesunde Ernährung; nicht die falsche Arbeitsmarktpolitik führt zu Arbeitslosigkeit, sondern Trägheit. Die einzige Aufgabe, für die sich der Staat zuständig fühlt, ist die Optimierung der Entscheidungen seiner schlecht informierten Bürger.

Nichts treibt die Utopie einer perfekt zu managenden Gesellschaft derzeit stärker an als der Glaube an die Zauberkraft von Big Data. Digitale Medien eröffnen nie da gewesene Möglichkeiten, individuelle Motive und soziale Interaktionen zu messen und zu analysieren. Wenn man erst einmal die unbewussten Entscheidungsmuster der Menschen versteht, so hoffen Datenwissenschaftler und Soziologen, lässt sich die Gesellschaft in all ihrer Komplexität verstehen. Wer sie verbessern will, muss dann nur noch wie ein Ingenieur an den entsprechenden Reglern drehen.

Einer der lautesten Wortführer einer solchen behavioristischen Revolution ist Alex Pentland, ein Professor am MIT-Media Lab, der an seinem mechanistischen Weltbild schon mit dem Titel seines kürzlich erschienenen Buches „Social Physics“ keinen Zweifel lässt. In Dutzenden Studien hat Pentland erforscht, wie Menschen interagieren– und wie sich ihr Verhalten am besten beeinflussen lässt. Dabei haben seine Experimente nichts mit einfachen Stimulanztests zu tun, wie man sie von Psychologen wie B. F. Skinner kennt. Pentland hält nichts von Versuchen im Labor, er erhebt seine Daten in der Wirklichkeit, mit einer Methode, die er als „social fMRI“ beschreibt.

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