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Time Out

Von PETER-PHILIPP SCHMITT, Fotos FRANK RÖTH

15.12.2016 · Mehr als 150 Jahre lang war auf Big Ben Verlass. Jetzt soll das Wahrzeichen Londons erstmals für lange Zeit verstummen.

„Wir haben doch alle eine Schwäche für Big Ben“, meint Paul Roberson. Es ist einer seiner Standardsätze. Auch auf dem Audio Guide zum Schluss der Tour durch die Houses of Parliament ist er zu hören, wenn die Besucher wieder in der bald 1000 Jahre alten Westminster Hall angelangt sind. Die Schwäche für die Uhr, um die sich Roberson seit mehr als zehn Jahren kümmert, kann der Uhrmacher kaum in Worte fassen. Er selbst, sagt er, bekomme immer noch eine Gänsehaut, wenn er die 334 Stufen hinauf zu Big Ben steige.

Wahrscheinlich kommt da oben einfach viel zusammen: die schiere Größe der Zifferblätter an den vier Seiten des Turms, die Perfektion des nunmehr seit 157 Jahren laufenden Uhrwerks, nicht zu vergessen der Klang der großen Glocke, den man aus nächster Nähe nur mit Ohrstöpseln unbeschadet überstehen kann.

All das lässt sich von unten, von der Straße aus, nur erahnen. Doch steht man erst einmal oben und sieht das 4,30 Meter lange Pendel, das sich trotz seiner mehr als 300 Kilogramm wie schwerelos hin und her bewegt, die drei hängenden Gewichte, die mit ihren insgesamt 2614 Kilogramm die Uhr am Laufen halten, und die vier jeweils sieben Meter großen Zifferblätter, die bei Nacht von innen beleuchtet werden, ist jeder überwältigt. Wenn dann auch noch Big Ben zur vollen Stunde schlägt, mit 114 Dezibel, sei es um jeden seiner Besucher geschehen, sagt Roberson: „Ich erlebe immer wieder, dass Menschen hier in Tränen ausbrechen.“

Keeper of the Clock: Paul Roberson ist mindestens drei Mal in der Woche oben im Turm.

Mit den Tränen im Uhrturm ist nun erst einmal Schluss. Geweint wird höchstens noch darüber, dass Big Ben Anfang Januar das erste Mal überhaupt für einen sehr langen Zeitraum nicht mehr zu hören sein wird. Wahrscheinlich über Monate wird auch die größte der fünf Glocken keinen Ton von sich geben. Die Mechanik wird angehalten, die Fassade und die Zifferblätter mit den Stunden- und Minutenzeigern werden hinter Gerüsten und Planen verschwinden. Drei lange Jahre sollen die Arbeiten am berühmtesten Wahrzeichen Londons dauern. „The Voice of Britain“ wird zumindest über etliche Monate verstummen.

Was das für die Metropole und den Rest des Landes bedeutet, mag sich Roberson gar nicht vorstellen. Das Geläut ist jedem Briten seit Kindertagen wohl vertraut: Jeden Tag um 18 Uhr und um Mitternacht, sonntags zudem um 22 Uhr, überträgt die BBC das Glockenspiel in alle Haushalte des Königreichs – und das seit dem Silvesterabend 1923 stets live über Mikrofone im Turm.

Eigentlich verstummt Big Ben nur zu besonderen Anlässen. Am 30. Januar 1965 zum Beispiel, als der ehemalige Premierminister Winston Churchill in London zu Grabe getragen wurde. Die Ehre wurde auch Margaret Thatcher am 17. April 2013 zuteil. Nicht einmal für die toten Königinnen und Könige des 20. Jahrhunderts wurde Big Ben zum Schweigen gebracht, allerdings fanden die Begräbnisse auch nicht in London, sondern in der St.-George's-Kapelle in Windsor Castle statt. Selbst im Zweiten Weltkrieg waren die Glocken zu hören. Nur die Uhren wurden bei Nacht nicht beleuchtet, um den Bombengeschwadern der Deutschen kein Ziel zu bieten. Dabei gibt es ganz oben im Turm noch ein Extra-Licht: In 76 Meter Höhe befindet sich eine achteckige Leuchte, nach dem Abgeordneten Acton Smee Ayrton benannt. Das Ayrton-Licht wird eingeschaltet, wenn das Parlament noch nach Sonnenuntergang tagt. Eingerichtet wurde es angeblich auf Wunsch von Königin Victoria, die so vom Buckingham-Palast aus sehen konnte, ob ihre Abgeordneten auch nachts noch arbeiteten.

Auch die heutige Königin kann sich auf das Werk aus viktorianischer Zeit verlassen. Eine massive Betriebsstörung gab es bislang nur ein einziges Mal, und das tatsächlich aus Altersgründen: Vor 40 Jahren im August ging ein Teil des Uhrwerks kaputt, Big Ben schlug danach über einen Zeitraum von neun Monaten an insgesamt 26 Tagen nicht. Der Schaden konnte bis Mai 1977 zwar behoben werden, doch in den vergangenen Jahren häuften sich die Probleme. Die Mechanik musste immer wieder angehalten und repariert werden: einige Stunden im Oktober 2005 und im Juni 2006, im August 2007 sogar für fast sechs Wochen. Seitdem war den Uhrmachern um Paul Roberson klar, dass eine Generalüberholung unausweichlich ist.

Welche Arbeiten nun im Uhrturm erledigt werden müssen, steht noch nicht genau fest. Das wird sich wohl erst im Laufe der kommenden drei Jahre ergeben. Altersschwach ist jedoch der gesamte Mechanismus. Zeiger, Pendel, Uhrwerk – jedes einzelne Teil muss überprüft und womöglich erneuert werden. „Die letzte größere Inspektion fand ja vor 31 Jahren statt“, sagt Roberson. Das Risiko, dass Big Ben von selbst verstummen könnte, ist inzwischen so groß, dass die zuständigen Ausschüsse im Parlament der Sanierung zugestimmt haben. Die Kosten werden mit 29 Millionen Pfund (etwa 33 Millionen Euro) veranschlagt.

Metallskelett und Glas: Die sieben Meter großen Zifferblätter wiegen jeweils vier Tonnen.

Dass der Turm, der seit dem diamantenen Thronjubiläum von Königin Elisabeth II. im Jahr 2012 nach der Monarchin benannt ist, zudem ein wenig in Schieflage geraten ist, bereitet den Statikern weniger Kopfzerbrechen. Eine Gefahr geht vom Elisabeth-Turm nicht aus, auch wenn die Arbeiten an einer Tiefgarage für die Abgeordneten in den siebziger Jahren und der Neubau des U-Bahn-Tunnels für die Jubilee Line, die 1999 fertiggestellt wurde, dem Fundament zugesetzt haben.

Wer genau hinsieht, kann erkennen, dass der gut 96 Meter hohe Kampanile aus dem Lot ist und sich nach Nordwesten lehnt – um inzwischen fast 45 Zentimeter. In den Nullerjahren beschleunigte sich der Prozess. Statt einen halben Millimeter im Jahr neigte sich der Turm um fast einen ganzen Millimeter Richtung St. James's Park. Mittlerweile hat sich der Vorgang wieder verlangsamt – warum genau, ist unbekannt. Ein halber Millimeter ist jedenfalls nicht besorgniserregend: Selbst bei doppelter Geschwindigkeit würde es 4000 Jahre dauern, bis die Schräglage des Turms dem berühmten schiefen Bauwerk in Pisa annähernd gleich käme.

Big Ben ist nicht der älteste Uhrturm im Westen Londons. Den ersten Uhrturm gab es schon im 13. Jahrhundert am Ufer der Themse. Der Palast, der nur noch Sitz des Parlaments ist, schon lange nicht mehr auch des Königs, ist weit älter. Schon Mitte des elften Jahrhunderts ließ Eduard der Bekenner die Anlage fern des damaligen Zentrums errichten. Eine noch ältere Klosterkirche an der Stelle trug bereits den Namen „West Minster“ (Westmünster), er bezog sich auf ihre Lage zur „City of London“. Vom ersten Westminster-Palast ist heute nur noch die imposante Westminster Hall erhalten, die William Rufus Ende des elften Jahrhunderts errichten ließ. Wilhelm II., wie er nach seiner Krönung in der Westminster Abbey hieß, war der Sohn von Wilhelm dem Eroberer, der Eduard dem Bekenner nachgefolgt war.

Das Uhrwerk; Gewichte für die Genauigkeit: Mit Münzen lassen sich Pendel und Uhr manipulieren.

Danach dauerte es 200 Jahre, bis der „Alte Palast“ erstmals mit einem Uhrturm und einer Glocke ausgestattet wurde. Über sie ist wenig bekannt. Berühmt wurde erst die Glocke, die Mitte des 14. Jahrhunderts für einen neuen Turm gegossen wurde: Sie trägt den Namen „Great Tom of Westminster“ und schlug den Londonern fast 350 Jahre zur vollen Stunde. Bis 1530 war die vier Tonnen schwere Glocke auch tonangebend für Englands Könige. Heinrich VIII. war allerdings der letzte Monarch, der im Westminster-Palast wohnte. Erst 1707 wurde auch dieser Uhrturm, der im Bürgerkrieg 1648 beschädigt worden war, abgetragen und Great Tom an die St.-Paul‛s-Kathedrale verkauft. Danach gab es 150 Jahre lang keinen neuen Turm, und vermutlich hätte es Big Ben auch nie gegeben, wäre der Palast nicht 1834 fast ganz zerstört worden. Ein Brand vernichtete große Teile der Anlage, weil die Öfen in einem Gebäude versehentlich mit zu viel Holz befeuert wurden.

Umgehend wurde der „Neue Palast von Westminster“ geplant. Schon ein Jahr später gewann Charles Barry den Architektenwettbewerb und durfte von 1840 an ein noch viel größeres Parlamentsgebäude mit nunmehr 1100 Zimmern errichten. Teil des neugotischen Komplexes war auch wieder ein Uhrturm, für dessen Ausstattung Augustus Pugin verantwortlich zeichnete. Von ihm stammen die Entwürfe für die riesigen Zifferblätter, die jeweils aus einem Metallskelett und 312 Glasscheiben bestehen und etwa vier Tonnen wiegen. Alle fünf Jahre werden sie gereinigt, dafür seilen sich Fensterputzer von oben vom Glockenraum herab. Roberson meint, die vier Männer, die zuletzt im August 2014 einen ganzen Tag für ein Zifferblatt benötigten, müssten entweder sehr mutig oder total verrückt sein, um sich freiwillig für diese Aufgabe zu melden.

Die Wagemutigen müssen zudem sehr vorsichtig putzen: „Das Glas ist hauchdünn“, sagt Roberson. „Ursprünglich wurden die Uhren nämlich mit Gas beleuchtet, und das Licht der Gaslaternen war sehr schwach.“ Die Männer reinigen natürlich auch die gewaltigen Zeiger. Die Minutenzeiger sind 4,20 Meter lang und, wie Roberson sagt, „nur etwa 100 Kilogramm schwer“, da sie aus dünnem Kupferblech sind. Sie legen jedes Jahr umgerechnet eine Wegstrecke von 190 Kilometern zurück. Die Stundenzeiger sind mit 2,70 Meter Länge wesentlich kürzer, wiegen aber rund 300 Kilo, da sie aus massivem Metall sind.

Big Ben, die mit 13,5 Tonnen größte der fünf Glocken, schlägt zur vollen Stunde, die vier kleineren Glocken schlagen jeweils zur Viertelstunde.

Noch viel schwerer ist die große Glocke, der eigentliche Big Ben, der schon lange dem ganzen Turm seinen Namen gibt. 13,5 Tonnen wiegt das 2,20 Meter große Ungetüm, das von einem 200 Kilogramm schweren Hammer angeschlagen wird. Eine erste Glocke, die nach dem damaligen Leiter der Baukommission, Sir Benjamin Hall, benannt wurde, wog sogar 16,3 Tonnen. Doch sie zersprang, noch ehe der Turm überhaupt fertiggestellt war. Der zweite, kleinere Ben konnte schließlich im Oktober 1858 von je acht Männern über 32 Stunden hinweg durch einen Schacht in den Glockenraum hinauf gezogen werden. Und obwohl die Glocke nicht mehr die größte ihrer Art in Großbritannien war, zeigten sich die Londoner begeistert, als sie am 11. Juli 1859 erstmals angeschlagen wurde. Selbst ein 28 Zentimeter großer Sprung, der schon Ende September 1859 den Ton von Big Ben etwas verstimmte, konnte die Freude nur kurz trüben. Seither versieht die Glocke zuverlässig ihren Dienst - mit Sprung in der Schüssel.

Einzigartig machte den Turm Mitte des 19. Jahrhunderts seine Uhr. Paul Robersons Kollege Ian Westworth sagt, damals sei es die größte und genaueste auf der ganzen Welt gewesen. Sie ist es wohl immer noch – unter den mechanisch angetriebenen. „Uhren, die ein bis zwei Minuten am Tag vor oder nachgingen, galten Mitte des 19. Jahrhunderts schon als sehr genau.“ Edmund Beckett Denison, Edward John Dent und sein Sohn Frederick aber wollten einen Zeitmesser bauen, der höchstens eine Sekunde pro Tag falsch ging. Es gelang ihnen: Die Big-Ben-Uhr ist ein mechanisches Wunderwerk.

Paul Roberson auf der Treppe im Glockenturm

Sollte die Genauigkeit doch einmal zu wünschen übrig lassen, lässt sich das Pendel mit kleinen Gewichten, eigentlich sind es meist alte Kupfermünzen, manipulieren. „Wenn ich einen Penny auf das Pendel lege, erhöht sich die Schwingdauer unmerklich“, sagt Roberson. Hochgerechnet ist es fast eine halbe Sekunde am Tag. Nimmt er einen Penny weg, wird das Pendel langsamer. Dreimal in der Woche – Montag, Mittwoch und Freitag – muss Paul Roberson zusammen mit mindestens einem seiner Kollegen die Uhr von Hand mit einer Kurbel aufziehen. Das dauert fast anderthalb Stunden und ist nur zu schaffen, wenn sich die Männer bei ihrer schweißtreibenden Arbeit abwechseln.

Fast 120 Jahre lang waren Nachfahren von Vater und Sohn Dent die offiziell berufenen „Bewahrer der Uhr“. Erst seit 2002 gibt es im Westminster-Palast eigene „Keeper of the Clock“. Drei Uhrmacher und ein Auszubildender kümmern sich rund um die Uhr. Insgesamt sind sie für 2000 Zeitmesser zuständig, die verteilt im ganzen Parlamentsgebäude stehen. Es bleibt also genug zu tun, auch wenn Roberson in den nächsten Monaten seltener in den Turm hinauf muss.

Die Touren mit Besuchern wird er vermissen. Eine Anekdote mag er besonders gerne: Vor ein paar Jahren führte er die Schauspieler Hugh Laurie und Stephen Fry hinauf. „Sie blieben so lange, dass sie danach zu spät zu einer Wohltätigkeitsveranstaltung von Prinz Charles kamen“, erzählt Roberson. Die beiden hätten sich beim Thronfolger mit den Worten entschuldigt: Wir waren bei Big Ben und haben dort die Zeit vergessen.

Der Turm in Zahlen

Der Glockenraum befindet sich in gut 61 Meter Höhe.

Big Ben, die mit 13,5 Tonnen größte der fünf Glocken, schlägt zur vollen Stunde, die vier kleineren Glocken (die schwerste wiegt 3,9 Tonnen) schlagen jeweils zur Viertelstunde. Wenn ein König oder eine Königin stirbt, schlägt Big Ben für jedes Lebensjahr einmal – und das im Minutentakt.

Die Zifferblätter, ausgerichtet nach den vier Himmelsrichtungen, haben einen Durchmesser von sieben Metern und werden jeweils mit 28 Energiesparlampen von innen beleuchtet.

Unter jedem Zifferblatt steht die lateinische Inschrift „Domine salvam fac reginam nostram Victoriam primam“ – „Gott schütze unsere Königin Victoria die Erste“.

Im zentralen Schacht hängen unter der Uhr das Pendel und die drei Gewichte, die den Mechanismus darüber am Laufen halten.

Der untere Teil des Turms besteht aus Ziegelsteinen. Die Mauer ist wie der ganze Palast mit Kalkstein verblendet.

In einem Gefangenenraum wurden im 19. Jahrhundert auch Abgeordnete eingesperrt, wenn sie zum Beispiel nicht bereit waren, ihren Eid auf die Bibel zu leisten. Der letzte Gefangene war der radikale Atheist Charles Bradlaugh, der 1880 im Turm einsitzen musste.

Eine Wendeltreppe mit 334 steinernen Stufen führt im Südosten des Turms bis zum Glockenraum hinauf. Von dort sind es noch einmal 59 Stufen bis zum Ayrton-Licht.

Sollte sich einmal eines der Gewichte oder gar eine Glocke lösen, wird ihr Sturz im Zentralschacht von einem meterhohen Stapel Sandsäcken am Boden aufgefangen.

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Quelle: Frankfurter Allgemeine Magazin

Veröffentlicht: 15.12.2016 11:20 Uhr