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Biermann und Wallraff : In der Höhle des Löwen

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Heimatlos: Biermann 1976 nach seiner Ausbürgerung Bild: PHOENIX

Günter Ewald war 1976 Gastgeber Wolf Biermanns, als dieser von seiner Ausbürgerung aus der DDR erfuhr. Ein Interview über Biermann und Günter Wallraff, den der Sänger damals als ersten aufsuchte.

          Günter Ewald, Rektor der Ruhr-Universität Bochum von 1973 bis 1975, war Wolf Biermanns Gastgeber, als dieser am 16. November 1976 von seiner Ausbürgerung erfuhr. Die Einladung nach Bochum hatte Ewald im Mai 1976 Biermann persönlich noch in Ost-Berlin überbracht, und zehntausend Bochumer Bürger hatten eine Petition für den Besuch in ihrer Stadt unterzeichnet. (F.A.Z.)

          Wolf Biermanns war Gast in Ihrem Haus, als er von seiner Ausbürgerung erfuhr. Wie fiel seine erste Reaktion darauf aus?

          Biermann sagte: „Diese Schweine“. Dann wollte er zu Günter Wallraff nach Köln gefahren werden. Ich sollte das nicht weitersagen, sondern der Presse gegenüber behaupten, er habe sich irgendwo versteckt. In den Tagen vorher war er noch bei Böll gewesen. Jakob Moneta, damals Chefredakteur der Gewerkschaftszeitschrift „Metall“, fuhr Biermann daraufhin zu Wallraff.

          Das war damals Biermanns eigene Idee?

          Ja, er äußerte sie ganz spontan. Daß er am Tag seiner Ausbürgerung bei mir zu Hause war, konnte Wallraff ja überhaupt nicht wissen. Biermann sollte an dem Abend an einer Diskussion in Bochum teilnehmen. Die hat er dann jedoch abgesagt. Einige Tage später gab er aber noch ein Konzert in der Bochumer Ruhrlandhalle, und da begleitete ihn Wallraff. Wir haben danach noch in einem Studententreff zusammengesessen, den ich damals eingerichtet hatte. Mit dabei waren außerdem Rudi Dutschke, Heidemarie Wieczorek-Zeul und Johano Strasser.

          Wie haben Sie in jenen Tagen Biermann und Wallraff zusammen erlebt? Waren sie befreundet?

          Ob sie befreundet waren, kann ich nicht sagen, aber sie kannten sich offensichtlich sehr gut. Biermann war an dem Abend nach dem Konzert noch von einigen Frauen umgeben, Wallraff hielt sich zurück. Ich dachte, er sei wohl aus Solidarität mit nach Bochum gekommen. Biermann hat dann später mich, Moneta und alle anderen, die seine Einladung nach Bochum befördert hatten, verdächtigt, für die Stasi gearbeitet zu haben. Das erklärt wohl auch seine Reserviertheit uns gegenüber, als er seine Ausbürgerung fünfundzwanzig Jahre später im „Spiegel“ geschildert hat.

          Haben Sie sich gegen diesen Vorwurf zur Wehr gesetzt?

          Ja, ich habe damals in einem Leserbrief an den „Spiegel“ darauf reagiert: Wenn Biermann uns der Stasi-Mitarbeit verdächtige, dann kenne er uns schlecht. Auch Moneta hat sich in einem Leserbrief gegen den Verdacht gewehrt. Biermann hatte sogar behauptet, im Autoradio von seiner Ausbürgerung erfahren zu haben. Dabei saß er bei mir. Ich weiß nicht, wie er darauf kommt.

          Hat Biermann sich am Ende selbst in die Höhle des Löwen begeben, als er sich damals zu Wallraff fahren ließ?

          Natürlich steckte Wallraff überall seine Nase rein. Ich glaube aber nicht, daß Wallraff ein IM war. Natürlich kann ich mich täuschen. Aber könnte es nicht am Ende sogar so sein, daß Biermann, dieser Narziß, es selbst ist, der jetzt hinter dem Gerücht steckt, Wallraff habe ihn bespitzelt?

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