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Kurioser Fund in Detroit : Wer sie mit Bier versorgte

Ein monumentales Wahrzeichen aus der Vergangenheit: die Michigan Central Station in Detroit. Bild: AFP

Flaschenpost: Wie uns eine bei der Renovierung der Michigan Central Station in Detroit hinter einer Wandverzierung gefundene Bierflasche von 1913 zum Rätseln bringt.

          2 Min.

          Die Frage, wer denn nun wirklich „das siebentorige Theben“ baute, die Brecht 1935 im dänischen Exil zusammen mit vielen anderen („Der junge Alexander eroberte Indien. Er allein?“) unter dem Titel „Fragen eines lesenden Arbeiters“ stellte, ist Generationen von Schülern vertraut, die das Gedicht im Deutschunterricht gelesen haben. Dass das Nachbohren seine Berechtigung hat, leuchtet sofort ein, und auch die Trauer über all diejenigen, die ihre Körperkraft, vielleicht auch ihre Gesundheit oder gar ihr Leben für die Monumente menschlicher Baukunst gaben, ohne dass man sich an sie erinnert, ist nachvollziehbar.

          Manche allerdings nahmen ihr Schicksal in die eigene Hand und verließen sich nicht darauf, mitgemeint zu sein, wenn etwa ein Depot im Grundstein an die Bauherren und andere Honoratioren erinnert oder eine aktuelle Tageszeitung birgt. So förderte gerade die Renovierung der 1913 errichteten und 1988 wieder geschlossenen Michigan Central Station in Detroit eine hinter einer Wandverzierung verborgene, kopfüber angebrachte Bierflasche hervor. Das Etikett war gut erhalten, laut Aufdruck war das Bier 1913 eingefüllt und offenbar im selben Jahr auch wieder geleert worden. Über die Menge des insgesamt getrunkenen Biers lässt sich nur spekulieren, zumal auch noch weitere Flaschen und ein Teller gefunden wurden.*

          Vermuten lässt sich immerhin, wer bei dem Gelage dabei war: Dan Hogan und Geo Smith. Die beiden brachten einen Zettel in der Flasche an, der die brechtsche Frage, wer diese Kathedrale der Mobilität errichtete, eindeutig beantwortet: Wir, Hogan und Smith, und zwar im Juli 1913! Rätselhaft bleibt, warum die Männer schrieben, sie hätten an diesem Gebäude „of Chicago“ gearbeitet, womöglich waren es doch ein paar Flaschen mehr, und dann geraten die Dinge ja leicht durcheinander. Oder die Ortsangabe bezieht sich auf die Heimatstadt der Arbeiter, wie nun vermutet wird.

          Natürlich lässt sich das Beispiel nicht beliebig auf jedes Mammutprojekt übertragen. Auch wenn man in diesem Licht etwa die Aussage, Wernher von Braun hätte die erste Mondrakete gebaut, bezweifeln möchte, hätte eine von den beteiligten Arbeitern trotzig platzierte Bierflasche das ganze Unternehmen nicht wenig gefährden können. Und wenn Brecht fragt: „Cäsar schlug die Gallier. Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich?“, dann bliebe einem solchen Begleiter kaum eine Möglichkeit, seinen Anteil handgreiflich zu markieren. Außer natürlich als Lieferant von Getränken, die dann wieder hinter den Triumphbogen Cäsars eingemauert werden könnten. So gesehen fehlt auf dem Zettel neben den Namen Hogan und Smith noch ein dritter. Wer sie mit Bier versorgte, erfahren wir nicht.

          *Anmerkung der Redaktion: An dieser Stelle wurde eine widersprüchliche Aussage im Text korrigiert,

          Tilman Spreckelsen
          Redakteur im Feuilleton.

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