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Biennale : Der Auftrieb von Venedig

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Wenn Biennale in Venedig ist, glaubt die internationale Kunstszene gern, dass sie die morbide Stadt mit ihren Partys belebt. Doch eigentlich ist es genau umgekehrt.

          Irgendwo ganz unten unter einem Gebirge aus Kartons und Luftballons muss sie liegen. Man sieht zuerst einen Arm. Dann ein nacktes Bein. Dass es sich um das Fotomodell Milla Jovovich handelt, ist gerade nicht zu erkennen. Aber das wissen alle hier im schönsten privaten Rosengarten am Canal Grande sowieso. Das einstige Glamourgirl ist die Hauptattraktion einer Performance, welche eine große Modemarke zur Biennale von Venedig veranstaltet. Eine amerikanische Künstlerin hat eine gewächshausartige Glaskiste aufbauen lassen. Darin sitzt für gut sechs Stunden das prominente Modegeschöpf. Und darauf rieselt ein bunter Pappmüllhaufen, der wie bei einem heidnischen Ritual von einem fröhlichen Grüppchen von Groupies immer neu durch Einwurfklappen nachgefüllt wird.

          Das ist die einzigartige Stimmung der ersten Biennaletage, für die Sammler und Adabeis, Kunstpäpste und Kurtisanen, Oligarchen und Kuratoren aus der ganzen Welt in die Lagune geströmt sind. Während sich die Jovovich unter ihren Kartons noch ein bisschen räkelt und später wie ein Verbrechensopfer unter einer Wolldecke von Helfern aus der Glasmanegerie befreit und abgeführt wird, plaudern und kichern sehr schlanke, sehr junge, sehr blasierte New Yorker Beaus in Modelljäckchen mit dem Champagnerglas in der Hand über irgendwas und blicken ostentativ nirgendwohin. Nicht auf das herrliche Panorama der Paläste und Boote auf dem Kanal, das sich ihnen unverdient bietet. Und schon gar nicht auf die vermeintliche Weltkunst, die gerade neben ihnen stattfindet. Sehr viele sind jetzt in der Stadt, um nicht die Kunst oder Venedig zu feiern als vielmehr sich selbst.

          Der Boom des Luxusgewärbes

          Inzwischen sind vor den Resten der Performance venezianische Stadtbedienstete angerückt, um grinsend die Trennmüllmassen zusammenzukehren. Rumänische Bettler, die sonst hier rund um die Accademia-Brücke Anwohner und Passanten anbetteln und mit gegeigten Endlosschleifen nerven, schnappen sich die übrig gebliebenen Sandwichs vom Büfett: Abendstimmung der Konsummoderne. Wer nun ein Vaporetto am Campo San Samuele bestiege und nur ein paar hundert Meter Richtung Markusplatz weiterschipperte, der hätte freie Sicht auf die größte Vernissagen- und Partydichte des Planeten.

          Kaum ein Palast - es sei denn, es handelt sich ohnehin schon um ein Hotel - der jetzt nicht für einen Empfang, eine Eröffnung, eine VIP-Feier, ein Geschäftsfreundedinner oder ein intimes Kunstbüfett angemietet wurde. Man sieht es vom Boot aus an den Kellnern in weißen Jackets, die mit Häppchen und Prosecco emsig herumlaufen. An den streng blickenden Türwärtern mit Ausweisen um den Hals und Listen zum Abhaken. An den auffallend vielen jungen Damen mit sehr hohen Absätzen und sehr kurzen Röcken, die mit verzweifelter Disziplin über Pfützen und Pflaster zu ihren Destinationen hinken und dabei ihr Lächeln zu retten versuchen.

          Sehen und gesehen werden. Luxusyachten in Venedig

          Venedig leuchtet an solch einem Abend. Und kein Spielverderber, der sich angesichts von so viel Gaudi und Konsum und Luxus fragt: Warum eigentlich kann sich die Gegenwartskunst immer noch als widerständiges Medium der Welterklärung und -verbesserung feiern, wenn kein anderes soziales Ereignis einen solchen Aufgalopp von Superreichen und Nobelmarken, mehr gierige Halbwelt und einverständige Mediengaffer anzieht als diese globale Kunstmesse im Lagunenbrackwasser? Warum bloß boomt alles Luxusgewerbe, wenn Millionen Jugendliche keine Arbeit finden und den Arbeitenden das Geld knapp wird?

          Hohe Mieten, löchrige Dächer

          Den Venezianern ist jedes Moralisieren in solch schlechten Zeiten natürlich einerlei. Sie nehmen das Geld, woher es kommt. Und wenn es diese Biennale nicht gäbe, müsste man sie erfinden. Welche andere Veranstaltung kann sich rühmen, seit über einem Jahrhundert die Kreativen aus aller Welt nicht nur anzulocken, sondern ihren Auftritt aus noch so poveren Staaten auch noch selbst zu finanzieren? Nur, um mitzuspielen.

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