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Bibliophilie : Die riesige Bibliothek des marxistischen Historikers Jürgen Kuczynski steht zum Verkauf

  • Aktualisiert am

Die Bibliothek des 1997 gestorbenen Berliner Wirtschaftshistorikers Jürgen Kuczynski umfasste 70.000 Bände. Jetzt steht die Bücher-Sammlung zum Verkauf.

          2 Min.

          Für die riesige Bibliothek des 1997 gestorbenen Historikers Jürgen Kuczynski, Nestor der DDR-Wirtschaftswissenschaft, wird dringend ein Käufer gesucht. Die wahrscheinlich größte private Buchsammlung in Berlin umfasst rund 70.000 Bände sowie weitere 35.000 Hefte und Zeitschriften.

          Zu dem Nachlass gehören auch sämtliche Aufzeichnungen, Manuskripte und Korrespondenzen des Wissenschaftlers sowie zahlreiche wertvolle Autografen, darunter von Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht, Ludwig Feuerbach, Heinrich Heine und Theodor Fontane. Ein Gutachten schätzte den Wert des Nachlasses auf über zwei Millionen Mark.

          Über sechs Generationen wurde die Sammlung der deutsch-jüdischen Familie zusammengetragen. Gleich nach dem Tod von Kuczynski - er starb mit fast 93 Jahren im Sommer 1997 - fanden sich erste Interessenten ein. Die Bedingung der Erben, die Sammlung nur in ihrer Gesamtheit zu veräußern, ließ bisher noch jeden Kauf platzen. „Preis und Zahlungsmodelle sind verhandelbar. Nicht verhandelbar ist der Herausbruch einzelner Teile“, sagt Thomas Kuczynski. Mit 56 Jahren ist er der jüngste Kuczynski-Sohn. Die „Abwicklung“ der Bibliothek beschäftigt ihn seit gut zwei Jahren.

          Im Haus von Jürgen Kuczynski - er wohnte immer zur Miete - sind nur noch die Bücher verblieben: Vom Keller bis ins Dachgeschoss, im Flur und der Diele überall Bücher. Einmal habe er in den letzten Jahren jedes Buch in der Hand gehabt, sagt der Sohn. Aber viel mehr als „ein wenig aufzuräumen und zu ordnen“, habe er nicht geschafft.

          Dass Kuczynski mit den SED-Chefs Walter Ulbricht und Erich Honecker korrespondierte, ist kein Geheimnis, schließlich war er ihr Berater in Wirtschaftsangelegenheiten. Was aber klärte er brieflich mit Schriftstellern wie Hermann Kant, Anna Seghers, Stephan Hermlin oder Lion Feuchtwanger? Einzelne Briefe wechselte er auch mit Albert Einstein, Thomas Mann und Karl Jaspers. Selbst jeder Ostdeutsche, der dem „Beichtvater der Nation“, sein Herz ausschüttete, habe binnen 48 Stunden mit einer Antwort rechnen können, berichtet Thomas Kuczynski.

          Den Grundstein für die Bibliothek hatte der Großvater des Urgroßvaters von Jürgen Kuczynski gelegt. Er lebte 1790 in Königsberg und war ein begeisterter Kantianer. Von ihm stammen beispielsweise die schönen Rigaer Erstausgaben des Königsberger Gelehrten. Zu den bedeutenden Sammlungsstücken zählt eine der seltenen ersten Ausgaben des „Kommunistischen Manifests“, die ein Familien-Spross 1848 in Paris für zehn Centimes erstand.

          Von den rund 50.000 Bänden, die beim Machtantritt der Nazis vorhanden waren, konnten etwa zwei Drittel über die Londoner Emigrationsjahre hinweg gerettet werden. Kuczynski ist Autor von rund 100 Büchern. Allein 40 Bände umfasste seine „Geschichte der Lage der Arbeiter unter dem Kapitalismus“. Seinen nach dem Mauerfall veröffentlichten Memoiren-Bänden gab er den beziehungsreichen Titel „Ein linientreuer Dissident“ und „Ein hoffnungsloser Fall von Optimismus“. 1956 hatte Kuczynski das Institut für Wirtschaftsgeschichte der DDR gegründet. „Dialog mit meinem Urenkel“ (1983) mit Seitenhieben auf die real-sozialistische Gesellschaft wurde zu einer Art Kultbuch im Osten Deutschlands.

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