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Bezahlmodelle im Internet : Umsonst ist nicht genug

Wird im Internet aus jedem Musiker ein Straßenmusikant? Bild: Kat Menschik

Wer soll für Kultur bezahlen, wenn sie zum virtuellen Gut wird? Der Staat? Der Schwarm? Die Fans? Ein paar Modelle für eine ungewisse Zukunft.

          Die Zukunft“, sagt der Schriftsteller William Gibson, „ist hier. Sie ist nur noch nicht gleichmäßig verteilt.“ Womit er die Herausforderung sehr genau benennt, vor der eine Kulturindustrie steht, deren ökonomische Fundamente gerade neu definiert werden. Im Großen und Ganzen hat sie den Wandel vom Produzenten physisch greifbarer Werke zum Händler kopierbarer digitaler Codes erstaunlich gut bewältigt: Fast alle Branchen der sogenannten Kreativwirtschaft weisen steigende Umsätze auf. Nur leider gilt das nicht gleichermaßen für die einzelnen Künstler.

          Anna Prizkau

          Redakteurin im Feuilleton.

          Harald Staun

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Die Frage also ist nicht unbedingt, wer, wenn man alles auch gratis bekommen kann, in Zukunft noch für Kultur bezahlen wird. Sondern, wie dieses Geld verteilt wird und von wem. Vom Staat? Vom Schwarm? Von Fans? Von Millionären? Wir haben uns ein paar kursierende Modelle angeschaut.

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          Kulturflatrate

          Kultur für alle, jederzeit, legal und bezahlbar, das wäre doch ganz einfach: Man hat einen Internetanschluss und bezahlt dafür monatlich Geld, sagen wir fünf Euro, in einen großen Topf, der im Bundestag steht. Dafür kann man in diesem Internet so viel Musik hören, Filme und Serien sehen, wie man will, sie auf Festplatten, USB-Sticks und CD-ROMs speichern oder gleich wieder hochladen und allen anderen Netznutzern zur Verfügung stellen. Alles ganz legal. Am Monatsende nimmt Angela Merkel den großen Topf aus dem Bundestag und gibt allen Musikern, Filmemachern und so weiter einen Teil der gesammelten Fünf-Euro-Scheine, auch Sven Regener. Zusammen mit dem Geld, das Regener noch vom Eichborn-Verlag, von Universal Music und irgendwelchen Fernsehanstalten bekommt, könnte er sich ziemlich viele Poloshirts kaufen.

          Wenn jeder der 25 Millionen Haushalte mit Internetanschluss diesen obligatorischen fünf Online-Kultur-Euro zahlen würde, das hat der Chaos Computer Club einmal ausgerechnet, dann würden sich in dem Topf jeden Monat 1,5 Milliarden Euro sammeln. Doch nach welchem Prinzip würde das Geld aufgeteilt werden? Der CCC schlägt vor, dass das jeder selbst entscheiden sollte: Man könnte seine fünf Euro an die Künstler verteilen, die man besonders gern hat. Wie das technisch funktionieren soll, weiß man noch nicht so genau. Die Künstler müssten sich vorher bei Angela Merkel angemeldet und eine Kopie ihrer Bücher, CDs, Filme hinterlegt haben.

          Eine andere Möglichkeit wäre, dass das Geld nach einem bestimmten Schema zwangsverteilt wird. Oder man teilt die 1,5 Milliarden ganz anders unter den Künstlern auf, zum Beispiel nach der Häufigkeit, mit der sie gestreamt und gedownloadet wurden. Das dafür notwendige Analysesystem würde aber so teuer kommen, dass von den 1,5 Milliarden Euro am Ende nicht mehr viel übrigbleiben würde. Wenn man das Geld zu gleichen Anteilen an alle deutschen Künstler verteilte, die im vergangenen Jahr bei der Künstlersozialkasse versichert waren, bekäme jeder immerhin 8823,50 Euro.

          Sollte das Geld direkt an Sven Regener überwiesen werden oder lieber an sein Musiklabel? Und wie würde Angela Merkel mit Hollywood, David Bowie und chinesischen Kleinkünstlern verfahren? Sollte die Flatrate auch für Bücher, Computerspiele, Software, Fotos, Pornos gelten? Wie könnte Manipulation vermieden werden? Das alles ist noch nicht ganz klar. Es könnte aber sein, dass nach Klärung all dieser Fragen für Sven Regener doch nicht viel mehr Geld übrigbleibt als für ein Poloshirt im Monat.

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