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Bezahlmodelle im Internet : Umsonst ist nicht genug

Wird im Internet aus jedem Musiker ein Straßenmusikant? Bild: Kat Menschik

Wer soll für Kultur bezahlen, wenn sie zum virtuellen Gut wird? Der Staat? Der Schwarm? Die Fans? Ein paar Modelle für eine ungewisse Zukunft.

          6 Min.

          Die Zukunft“, sagt der Schriftsteller William Gibson, „ist hier. Sie ist nur noch nicht gleichmäßig verteilt.“ Womit er die Herausforderung sehr genau benennt, vor der eine Kulturindustrie steht, deren ökonomische Fundamente gerade neu definiert werden. Im Großen und Ganzen hat sie den Wandel vom Produzenten physisch greifbarer Werke zum Händler kopierbarer digitaler Codes erstaunlich gut bewältigt: Fast alle Branchen der sogenannten Kreativwirtschaft weisen steigende Umsätze auf. Nur leider gilt das nicht gleichermaßen für die einzelnen Künstler.

          Anna Prizkau

          Redakteurin im Feuilleton.

          Harald Staun

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Die Frage also ist nicht unbedingt, wer, wenn man alles auch gratis bekommen kann, in Zukunft noch für Kultur bezahlen wird. Sondern, wie dieses Geld verteilt wird und von wem. Vom Staat? Vom Schwarm? Von Fans? Von Millionären? Wir haben uns ein paar kursierende Modelle angeschaut.

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          Kulturflatrate

          Kultur für alle, jederzeit, legal und bezahlbar, das wäre doch ganz einfach: Man hat einen Internetanschluss und bezahlt dafür monatlich Geld, sagen wir fünf Euro, in einen großen Topf, der im Bundestag steht. Dafür kann man in diesem Internet so viel Musik hören, Filme und Serien sehen, wie man will, sie auf Festplatten, USB-Sticks und CD-ROMs speichern oder gleich wieder hochladen und allen anderen Netznutzern zur Verfügung stellen. Alles ganz legal. Am Monatsende nimmt Angela Merkel den großen Topf aus dem Bundestag und gibt allen Musikern, Filmemachern und so weiter einen Teil der gesammelten Fünf-Euro-Scheine, auch Sven Regener. Zusammen mit dem Geld, das Regener noch vom Eichborn-Verlag, von Universal Music und irgendwelchen Fernsehanstalten bekommt, könnte er sich ziemlich viele Poloshirts kaufen.

          Wenn jeder der 25 Millionen Haushalte mit Internetanschluss diesen obligatorischen fünf Online-Kultur-Euro zahlen würde, das hat der Chaos Computer Club einmal ausgerechnet, dann würden sich in dem Topf jeden Monat 1,5 Milliarden Euro sammeln. Doch nach welchem Prinzip würde das Geld aufgeteilt werden? Der CCC schlägt vor, dass das jeder selbst entscheiden sollte: Man könnte seine fünf Euro an die Künstler verteilen, die man besonders gern hat. Wie das technisch funktionieren soll, weiß man noch nicht so genau. Die Künstler müssten sich vorher bei Angela Merkel angemeldet und eine Kopie ihrer Bücher, CDs, Filme hinterlegt haben.

          Eine andere Möglichkeit wäre, dass das Geld nach einem bestimmten Schema zwangsverteilt wird. Oder man teilt die 1,5 Milliarden ganz anders unter den Künstlern auf, zum Beispiel nach der Häufigkeit, mit der sie gestreamt und gedownloadet wurden. Das dafür notwendige Analysesystem würde aber so teuer kommen, dass von den 1,5 Milliarden Euro am Ende nicht mehr viel übrigbleiben würde. Wenn man das Geld zu gleichen Anteilen an alle deutschen Künstler verteilte, die im vergangenen Jahr bei der Künstlersozialkasse versichert waren, bekäme jeder immerhin 8823,50 Euro.

          Sollte das Geld direkt an Sven Regener überwiesen werden oder lieber an sein Musiklabel? Und wie würde Angela Merkel mit Hollywood, David Bowie und chinesischen Kleinkünstlern verfahren? Sollte die Flatrate auch für Bücher, Computerspiele, Software, Fotos, Pornos gelten? Wie könnte Manipulation vermieden werden? Das alles ist noch nicht ganz klar. Es könnte aber sein, dass nach Klärung all dieser Fragen für Sven Regener doch nicht viel mehr Geld übrigbleibt als für ein Poloshirt im Monat.

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          Crowdfunding

          Die Schwarmfinanzierung, im Fachjargon Crowdfunding genannt, erlaubt es Internetnutzern, kreative Projekte im Vorfeld zu finanzieren. Die Mechanismen sind einfach: Ein Musiker will einen Videoclip produzieren, dafür benötigt er 10 000 Euro. Auf einer Crowdfunding-Plattform präsentiert er seine Idee, wirbt zudem auf Twitter und Facebook. Die Betreiber der Plattform schalten seinen Aufruf zum Spenden für eine bestimmte Zeitspanne, in der Freunde und Fans spenden können. Als Gegenleistung bekommen sie einen Auftritt im Videoclip oder eine signierte CD. Kommen die 10000 Euro innerhalb der Frist zusammen, kann der Musiker sein Video in aller Ruhe produzieren. Gelingt es ihm nicht, erhalten die Spender ihr Geld zurück.

          So sammelte beispielsweise der Regisseur Sergej Moya innerhalb von drei Monaten 170 000 Euro für seinen Erotikstreifen „Hotel Desire“. Für den kommenden Kinofilm zur Pro-Sieben-Serie „Stromberg“ spendeten Fans gar eine Million Euro innerhalb weniger Tage. Statt eines Auftritts im Stromberg-Büro erhalten die virtuellen Investoren eine Beteiligung am tatsächlichen Erlös. Selbst die Produktion der Science-Fiction-Farce „Iron Sky“ verdankt einen Teil des Budgets ihrer Crowdfunding-Gemeinde.

          Kreative können mit Schwarmfinanzierung risikolos ihre Ideen im Netz vorstellen und erhalten sofort Resonanz. Die Marktforschung ist damit schon vor der Produktion abgeschlossen, Tausenden von Platten oder Büchern wird das Schicksal erspart, eingestampft zu werden.

          Aktuell haben Crowdfunding-Portale wie startnext.de oder kickstarter.com eine Erfolgsquote von vierzig Prozent. Jedoch kann selbst die beste Idee in diesem Modell scheitern. Erfolg garantieren nur eine umfangreiche Öffentlichkeitsarbeit und ein großes Netzwerk. Statt kreativer Arbeit geht es zuerst nur ums Marketing. Der Weg der Schwarmfinanzierung ist daher für bekannte Kunstschaffende leichter als für junge Talente - also genau wie in der analogen Welt.

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          Mäzenatentum

          Es waren immer ausgerechnet die größten Profiteure des Kapitalismus, die sich mit ihrem Geld die Dinge kauften, die der Markt eben nicht von selbst hervorbringt, früher waren das Fresken, heute sind es vielleicht Fußballvereine. Logischerweise ist das Modell für Massenkunst damit eher untauglich, aber gerade das kann auch ein Vorteil sein.

          Ein Beispiel ist die amerikanische Stiftung Pro Publica, eine Non-Profit-Initiative für investigativen Journalismus - auch so ein Gut, das immer schwerer zu verkaufen ist. Mit einem Jahresbudget von zehn Millionen Dollar finanzieren die kalifornischen Immobilien-Milliardäre Herbert und Marion Sandler die Arbeit von 32 Reportern, einer davon gewann 2010 einen Pulitzerpreis.

          Leider funktioniert Philanthropie nie für alle. Und dass das Problem der Abhängigkeit vom Gönner nie restlos ausgeräumt werden kann, ist auch ein grundsätzlicher Makel des Modells. Aber im Zeitalter des Schwarms wird auch das Mäzenatentum neu organisiert - und funktioniert (siehe nächster Punkt) auch ganz ohne Mäzen.

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          Social-Payment

          Im freiwilligen Mikromäzenatentum namens Social-Payment belohnen Internetuser Produkte, die ihnen besonders gefallen, mit Minibeträgen. Flattr nennt sich eines dieser Trinkgeld-Systeme. Mit einer Anmeldung werden User zu Spendern und potentiellen Empfängern zugleich. Zu Beginn jedes Monats laden sie einen selbstgewählten Betrag auf ihren Account und integrieren kleine Buttons auf den eigenen Websites, die andere zum Spenden aufrufen. Mit einem Klick kann dann jeder seiner Freude über fremdes geistiges Gut Ausdruck verleihen. Am Ende des Monats wird der im Vorfeld gestiftete Betrag nach Anzahl der Klicks aufgeteilt.

          So stehen Künstler zwar ständig im Kontakt mit ihrem Publikum, können aber nur überleben, wenn eine breite Masse ihre Arbeit zu schätzen weiß. Neulinge müssen mit allen Henkerswerkzeugen des Marketings versuchen, Aufmerksamkeit zu erwecken. Gelingt es ihnen, ist es fraglich, wie lange die Finanzierung ihrer Arbeit gewährleistet bleibt, denn Social-Payment-Systeme sind nicht kalkulierbar: Was gestern den Usern gefiel, kann wenige Tage später in Ungnade fallen.

          Immerhin: In Deutschland gibt es schon eine Handvoll Blogger, die mit Flattr ordentlich Geld verdienen. An der Spitze steht der Radiokünstler Tim Pritlove, der für seine Podcasts mittlerweile rund 2000 Euro Spenden monatlich einstreicht. Und auch die Onlineausgabe der „taz“ bettelt seit einem Jahr um Mikrospenden und erwirtschaftet seit April 2011 über 40 000 Euro.

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          Grundeinkommen für alle

          Kultur ist uns Deutschen wichtig, für unseren Geist, die Gesellschaft, die Demokratie, die Freiheit, die Vielfalt und so weiter. Deswegen haben wir etwa achtzig Opernhäuser, die wir uns rund 2,5 Milliarden Euro pro Jahr kosten lassen - obwohl sich nicht jeder für Oper interessiert. Doch wir fördern auch (mit deutlich weniger Geld) Kinofilme, Ausstellungen, Musikschulen, Tanz- und Theaterprojekte. Keine Subventionen, Investitionen!

          Bei so viel kultureller Großzügigkeit verwundert es doch, dass der Staat so rüde mit seinen freischaffenden Künstlern umgeht. Warum setzen wir nicht direkt am kreativen Potential an, nehmen dem Sänger, Schriftsteller, Bildhauer die Last der finanziellen Versorgung ab und überweisen ihnen ein monatliches Grundeinkommen? Vorreiter dafür sind die Niederländer, die im Jahr 2005 das Arbeits- und Einkommensgesetz für Künstler (Wet werk en inkomen kunstenaars) ins Leben riefen. Es ermöglichte, dass Kreative durch bis zu vier magere Jahre gebracht werden konnten - sofern sie in der Lage waren, eine künstlerische Ausbildung oder Einkommen aus künstlerischen Betätigungen nachzuweisen.

          Leider wurde das Gesetz Anfang 2012 wieder abgeschafft: wegen mangelndem Arbeitsethos der Künstler.

          Knappe Güter

          Es gibt genug Musik, zu viele Texte und mehr Filme umsonst, als man je sehen kann. Wenn sich deshalb auch die wertvollste Idee nicht mehr verkaufen lässt, muss man sich überlegen: Was dann? Es gibt, sagt etwa der notorische Optimist Kevin Kelly, auch in der digitalen Welt wertvolle Güter, nur sind es eben andere als Buchstaben auf dem Bildschirm oder Töne aus Bits. Zugänglichkeit, Auffindbarkeit, Schnelligkeit, Einordnung gehören etwa dazu, Individualität und Authentizität. Die Raubkopiensuchmaschine Pirate Bay zum Beispiel ist nicht nur deshalb so erfolgreich, weil sie die billigste Videothek der Welt ist. Sie ist leider mit Abstand auch die beste.

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