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Neue Stauffenberg-Biographie : Die Poesie der Tat

Stauffenberg in Bamberg, 1934 Bild: Ullstein

Was bewegte Stauffenberg zum Attentat – in einer Lage, da eigentlich nichts mehr zu retten war? Sicher nicht Kritik am Nationalsozialismus. Es war die Lektüre Stefan Georges, schreibt Thomas Karlauf in einer neuen Biographie.

          8 Min.

          Im Mai 1943 warf die britische Royal Air Force über Deutschland eine Broschüre in Millionenauflage ab. Neben einem Aufruf Churchills enthielt sie eine Rede Thomas Manns über die „apokalyptischen Lausbuben“ im Führerhauptquartier und auf ihrer letzten Seite auch ein Gedicht. Es stammte von dem zehn Jahre zuvor in der Schweiz verstorbenen Stefan George. Er hatte es 1907 unter dem Titel „Der Widerchrist“ veröffentlicht.

          In der Orthographie des Nachdrucks endet es so: „Der Fürst des Geziefers verbreitet sein Reich,/ Kein Schatz der ihm mangelt, kein Glück das ihm weicht... / Zu Grund mit dem Rest der Empörer! // Ihr jauchzet, entzückt von dem teuflischen Schein / Verprasset was blieb von dem früheren Seim / Und fühlt erst die Not vor dem Ende. // Dann hängt ihr die Zunge am trocknenden Trog, / Irrt ratlos wie Vieh durch den brennenden Hof... / Und schrecklich erschallt die Posaune.“ Wen die britische Armee 1943 hier als Antichrist adressierte, lag auf der Hand. Die erstaunliche Pointe des Raubdrucks aber lag nicht nur in der Massenwirksamkeit, die der Lyrik offenbar zugetraut wurde. Es war wohl eine der höchsten Auflagen, die je ein Gedicht erlebte. Viel mehr noch lag eine objektive Ironie darin, dass ausgerechnet Stefan George zum Einsatz gegen Hitler kam. George, der den Nationalsozialismus in seinen Anfängen begrüßt hatte; der sich selbst einen Einfluss auf diese „nationale Erhebung“ zuschrieb; der Führertum, Heldenfeier sowie eine Art deutsch-abendländische Kunstreligion propagierte. Und dessen Jünger vor und nach 1933 zu hohem Anteil dem Nationalsozialismus zuliefen.

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