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Bewachter Beethoven in Bonn : Raus aus dem Gefängnis der Totalvermarktung

Die Beethoven-Statuen in Bonn werden jetzt besser überwacht. Bild: dpa

Damit keine weiteren Beethoven-Statuen verschwinden, wird die Bonner Kunstinstallation zum 250. Geburtstag des Komponisten jetzt bewacht. Ein Zaun schützt das Volk der Schachfiguren. Aber für wen wird der Aufwand betrieben?

          Zuerst glaubten wir an eine neue Blamage in der langen Serie der Notgroschenverluste und Hörrohrkrepierer auf dem Weg der Stadt Bonn zur Feier des zweihundertfünfzigsten Geburtstags von Ludwig van Beethoven im kommenden Jahr. Seit Anfang der Woche gibt es die Kunstinstallation „Unser Ludwig“ auf dem Münsterplatz, in Auftrag gegeben vom Verein Bürger für Beethoven, auch in der Bonus-Variante einer Abendvorstellung zu sehen.

          Unser rezensorischer Reflex: Das haben wir doch schon in hundert „Fidelio“-Inszenierungen gesehen: den Zaun um die Gefangenen, die auch beim illusorischen Freiluftholen in Reih und Glied aufgestellt sind, ein Volk von Schachfiguren, Bauernopfern der terroristischen Staatsräson. Zum Zweck eines Winks mit dem Lagerzaunpfahl kommt sogar ein leibhaftiger Polizeihund samt uniformiertem Herrchen zum Einsatz.

          „O welche Last!“

          Auf den zweiten Blick sahen wir: Das ist genial. Aus dem endlos durchgenudelten Auswurf des Regietheaters wird ein Spaghetti-Eis der Marketingkonzeptkunst gezaubert. Hat sich die Stadt durch die Kooperation mit Ottmar Hörl nicht zur Gefangenen eines Kunstunternehmers gemacht, dessen Lebenszweck der Nachweis ist, dass auch deutsche Provinzstädte noch unschöner werden können? Mit einer Selbstironie, die man den vereinten Beethovenbürgern nicht zugetraut hätte, wird diese Kritik jetzt ins Werk integriert. Beethoven selbst muss aus dem Gefängnis der Totalvermarktung befreit werden.

          Fast meint man, wenn die Sonne untergeht, die 700 grünen Doppelgänger des Titanen singen zu hören: „O welche Last!“ 699, um genau zu sein. Ein Ottmar-Ludwig, das ist die mit augenzwinkernder Mithilfe der Lokalpresse verbreitete Geschichte, welche die vermeintliche Sicherheitsmaßnahme der Einzäunung rechtfertigt, ist geklaut worden. Bleibt die Frage an die Regie, wer der geheimnisvolle Gefangene ist, für den der Aufwand des Wachregimes getrieben wird. Soll Florestan etwa Christian Lorenz sein, der kürzlich abservierte und durch Malte Boecker, den Direktor des Beethoven-Hauses, ersetzte Geschäftsführer der Jubiläumsgesellschaft? Das würde zur Rivalität von Florestan und Pizarro passen. Doch wer sollte dann Leonore sein?

          Für die Hosenrolle der wahren Heldin kommt in Bonn natürlich nur Nike Wagner in Betracht. Dass sie ihren Chefjob beim Beethovenfest aufs Spiel setzte, um ihren Freund Siegfried Mauser als Opfer eines Justizirrtums hinzustellen, ergibt plötzlich Sinn. Beim Beethovenfest 2020 könnte Florestan sein Comeback am Klavier feiern. Nicht Kartenverkaufszielvorgaben folgt die Intendantin, der schon ihr Vorname den Sieg verspricht, sondern dem inneren Triebe.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

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