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Bevölkerungsentwicklung : Land ohne Kinder

  • -Aktualisiert am

Der Wandel verläuft zu langsam

Adenauer glaubte: Kinder kriegen die Menschen von selbst. Die Generation Schröder war der Meinung: Wenn Frauen nicht von selbst Karriere machen, dann wollen sie es wohl nicht. Doch Adenauer konnte den Siegeszug der Pille nicht vorhersehen. Und Machtstrukturen, die Gleichberechtigung unterdrücken, schaffen sich nicht allein durch die Aufhebung diskriminierender Gesetze ab, sondern brauchen einen kulturellen Wandel. Aber dieser findet in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern nur sehr zögerlich statt, denn viel zu lange waren die Machthaber überzeugt, dass Familienpolitik Gedöns ist, und dass die Welt zusammenbricht, wenn Kinder nicht von Müttern, sondern von Erziehern betreut werden.

Viele Frauen und Männer, die in den letzten 20 Jahren erwachsen geworden sind, haben das beobachtet. Sie haben gemerkt, dass sie gleichberechtigt leben können, solange sie keine Kinder haben. Die Geburt ist der Moment, in dem sich eine Beziehung von einem egalitären zu einem klassischen Rollenmodell verschiebt, in dem Frauen zu Versorgerinnen und Männer zu Ernährern werden.

Nicht wenige Beziehungen, die sich auf Kinder eingelassen haben, scheitern an dieser Diskrepanz zwischen eigenen Werten und nicht daran angepasster Realität. Neulich war ich mit meinem dreijährigen Sohn auf einem Kindergeburtstag eingeladen. Acht Frauen Mitte 30 saßen da im Kreis. Die Gastgeberin und ich waren die Einzigen, die noch mit ihren Partnern zusammen waren.

Eine absurde Situation, die aber wirklich so passiert ist. Wir begannen zu überlegen, woran es liegen könnte. Der verblüffende Unterschied: Ich teile mir mit meinem Partner, Lohnerwerb, Kinderbetreuung und den Haushalt programmatisch 50/50. Die Gastgeberin macht es mit ihrer Partnerin ähnlich. Wir leben unsere Werte. Zufall, dass wir in unseren Beziehungen glücklich sind?

Ich glaube nicht. Die Frauen erklärten unisono, dass ihre Beziehung daran gescheitert sei, dass sie sich mit Kind alleingelassen fühlten. Man habe sich entfremdet, die Leben seien zu verschieden geworden. Sie alle wollten Beruf und Familien vereinbaren, doch es ging nicht. Erstaunlicherweise berichteten einige, dass sie sich seit der Trennung wohler fühlten: Nun seien die Regeln klarer, würden die Väter das Kind tageweise nehmen.

Fallstricke der Mutterschaft

Das gilt allerdings nicht für die Mehrheit der getrennt lebenden Eltern, die meisten sind Alleinerziehende. 1,7 Millionen. Auch das ist heutzutage keine Schande mehr, sondern ein Familienmodell. Und auch gerade diese Gruppe würde von einer besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie profitieren. Denn ihnen bleibt oft nichts übrig als Arbeitslosengeld II-Bezug. Sie gehören zu den am schwersten vermittelbaren Arbeitslosen.

Das alles wusste ich schon, bevor ich ein Kind bekam. Vielleicht, weil ich Feministin bin. Feministen beschäftigen sich seit mehr als 100 Jahren mit den Fallstricken der Mutterschaft und ich beschäftige mich seit 10 Jahren mit Feminismus. Ich habe den Übergang von kinderlos zu Elternschaft aktiv gestaltet, gemeinsam mit meinem Partner, mit den Möglichkeiten, die wir hatten. Mein Leben hat sich mit Kind zwar auch gewandelt - aber eben nicht radikal. Mein Kind liebt mich, seinen Vater und seine Tagesmutter. Ich liebe mein Kind, den Vater, die mir verbliebene Freiheit und die Sicherheit meines 35-Stunden-Jobs.

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