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Beutekunst : Unerkannt: Raubkunst in deutschen Kunstmuseen

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Von den Nazis geraubte Kunst hängt unerkannt in den Museen Bild: dpa-Bildfunk

In unseren Museen hängt mehr NS-Raubkunst, als bisher bekannt war. Museumsdirektoren räumen endlich mit der Geschichte ihrer Häuser auf.

          Auf der an diesem Freitag zu Ende gehenden Tagung zur Erforschung von Nazi-Raubkunst in deutschen Museen, hat es an Selbstkritik nicht gefehlt: „Durch die Dominanz des Themas 'entartete Kunst' stilisierten sich deutsche Museen lange als Opfer der NS-Kulturpolitik. Dabei wurde ausgeblendet, dass Museen auch Täter und Nutznießer waren, weil sie sich an der Ausplünderung jüdischer Menschen beteiligten,“ hieß es bei dieser ersten Veranstaltung zum Thema, die inder Hamburger Kunsthalle stattfand.

          Die Kunsthistorikerin Anja Heuss sprach bei dem internationalen Kongress „Die eigene Geschichte“ das aus, was manche noch immer gern verheimlichen: „Es gab ein Zusammenspiel zwischen Museen und Nazi-Behörden, die jüdisches Eigentum beschlagnahmten. Alles, was unter den Museumsdirektoren jener Zeit Rang und Namen hatte, war institutionell als Sachverständiger mit von der Partie“, betonte Heuss. „Der Übergang vom Kunsthistoriker zum kriminell Handelnden war fließend“, meint die Wissenschaftlerin, die in der Oberfinanzdirektion Berlin zuständig ist für die Herkunftsrecherche von Kunstwerken aus den Sammlungen Hitlers und Görings, die heute im Bundesbesitz sind.

          Unter Zwang abgepresste Kunstwerke

          Zwei Tage lang befassten sich bei dem Symposium in der Hamburger Kunsthalle rund 180 Experten aus Europa und den Vereinigten Staaten mit der Forschung nach Raubkunst, die während des „Dritten Reiches“ unter Zwang ihren meist jüdischen Eigentümern abgepresst wurde und zum Teil in Museumssammlungen landete. Auf der Suche nach „verfolgungsbedingt“ entzogenem Kulturgut in Museumsbeständen ist seit ein paar Jahren der neue wissenschaftliche Zweig der Provenienzforschung entstanden.

          Grundsätzlich ist die Herkunft aller Kunstwerke in den Museumsbeständen, die nach 1933 ihren Besitzer wechselten, fraglich, doch bislang wird nur an wenigen Häusern in Deutschland intensiv und konsequent Provenienzforschung betrieben. Im ganzen Land sind seit 1999 nur fünf Wissenschaftler mit festen Stellen an Museen dafür angestellt worden. „Es gibt weder zentrale Anlaufstellen noch eine genaue Übersicht, wer eigentlich wo was genau macht“, sagte der Direktor der Hamburger Kunsthalle, Prof. Uwe Schneede.

          Beutekunst aus jüdischem Besitz

          Davon kann die junge Kunsthistorikerin Ute Haug ein Lied singen. Sie hat den „Arbeitskreis Provenienzforschung mit gegründet, ein unbürokratisches Netzwerk, zu dem die fünf fest angestellten Provenienzforscher Deutschlands gehören, allesamt Frauen zwischen Anfang und Ende 30, die sich zur „Enkel-Generation“ zählen und überzeugt sind, das „richtige Verhältnis zwischen Nähe und Distanz“ zu dem Thema zu haben. „Es ist schade, dass wir unser Fachwissen momentan nicht weitergeben können, weil Institutionen dafür fehlen“, sagte Haug.

          Warum die Frage nach Beutekunst aus jüdischem Besitz erst jetzt brisant geworden ist, hat der Leiter des Hamburger Instituts für Sozialforschung, Jan Philipp Reemtsma, in seinem Vortrag zu beantworten versucht. „Das Bekanntwerden der Beutekunst aus jüdischem Besitz schwächte die moralische Position Deutschlands in den Verhandlungen über die Rückführung von Kunstwerken aus Russland“, sagte der Wissenschaftler. Mit der Washingtoner Konferenz von 1998 zu den von den Nazis beschlagnahmten Kunstwerken sei zudem internationaler Druck entstanden. „Die deutsche Öffentlichkeit und Politik kümmerte sich um die Frage nach Beutekunst aus jüdischem Besitz erst dann, als nichts anderes mehr möglich war“, sagte Reemtsma.

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