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Bettgemälde-Kommentar : Kunstschlaf

Welche Reaktionen ruft wohl Rembrandts „Gastmahl des Belsazar“ beim Ruhenden vor? Bild: National Gallery London

Über Nacht zum Künstler: Ein Hersteller bedruckt neuerdings Bettgestelle mit Gemälden aus der National Gallery in London. Die Auswirkungen auf den Schlafrhythmus sind leider bisher noch nicht erforscht.

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          Wenn das keine fruchtbringende Zusammenarbeit ist. Ein britischer Hersteller von Luxusschlafstätten verkündet auf seiner Website: Schmücken Sie Ihr Bett mit einem der großartigsten Gemälde aus der National Gallery von London. Das Bettenhaus und die Nationalgalerie, so heißt es dort weiter, hätten ihre Kräfte vereint für einen anregenden Vorstoß, der die Kunst im Eigenheim auf ein bisher unbekanntes Niveau, to another level, hebt. Wie das geht? Es funktioniert, wenn ohnehin schon kostspielige Bettgestelle nach individuellen Wünschen der liquiden Kundschaft mit Meisterwerken aus dem Museum aufwendigst bedruckt werden. Betroffen sind das Kopfteil und der Unterbau, dafür zu haben ist jedes denkbare Gemälde im Museum. Fertige Möbel gibt es schon, als Vorschläge stehen Botticelli, Leonardo da Vinci, Rembrandt oder Van Gogh im Raum; bei Letzterem vermutlich eher Sonnenblumen oder Iris, im Sinne eines erquickenden Schlafs. Jedes dieser Auftrags-Betten ist mit einer eigenen Plakette versehen und von der Nationalgalerie höchstselbst genehmigt, was die Qualität der Gestaltung betrifft (wahrscheinlich ohne Probeliegen). Das ist schon ein Coup.

          Teure Handtaschen, verziert von zeitgenössischen Künstlern, waren gestern; das Gemecker darüber kann jetzt aufhören. Eines der bedeutendsten Museen der Welt weist den Weg in die Zukunft, sie liegt in superteuren Doppelbetten, geschmückt mit Alten Meistern. Was sind von Richard Prince auf Taschen gedruckte, noch so lustige Witze gegen, zum Beispiel, Botticellis entspanntes Paar „Venus und Mars“ oder für tiefere Gemüter Jan van Eycks „Arnolfini-Hochzeit“? Überhaupt, wer redet noch von Immersion? Eingehen in die virtuelle Realität der Bilder mittels schwerem Gerät war auch gestern. Es reicht eine Schlafbrille, den Rest besorgt das Traumbett. Und schon taucht der Schlummernde ein in, zum Beispiel, Claude Monets Seerosenteich bei Sonnenuntergang (die „Monet“-Handtasche von Jeff Koons ist da eine Lappalie).

          Freilich wären die Auswirkungen auf die REM-Schlafphase noch zu erforschen, Visionen vielleicht vom dämmernden Dahingleiten in stillen Wassern. Blütenträume gehen auch, Malven und andere Blumen hat Jan van Huysum bereitgestellt. Die Website der National Gallery schweigt bislang, die altehrwürdige Institution hält sich in Sachen Kunstschlaf bedeckt (was schließlich zum Thema passt). Angeboten sind nur Kunstdrucke, die auf Anfrage erstellt werden, für zwanzig Pfund das Stück. Von ganzen Bettgestellen, die ungefähr das Tausendfache kosten, ist keine Rede. Es bleibt immerhin die Hoffnung, dass Londons Vorzeigemuseum mit dem Bettengeschäft eine Menge Geld verdient. Im Schlaf.

          Rose-Maria Gropp
          Redakteurin im Feuilleton.

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