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Fundsachenbetrug : Zurück zum Ring!

„Mein Eigen, mein Schatz“: Goldringe bringen den Gollum in uns allen hervor. Bild: dapd

Von Gollum bis Götterdämmerung: Goldene Ringe haben in unserer Kulturgeschichte nicht den besten Ruf, denn sie bringen das Schlechteste im Menschen hervor.

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          Hinterher denkt man an die letzten Worte in Wagners „Götterdämmerung“: Hagen ruft da „Zurück vom Ring!“, Untergangsstimmung allenthalben. Zunächst aber ist es ein sommerlicher Samstagmorgen in einem ruhigen Viertel der Stadt, Ferienzeit, keine Leute auf der Straße. Gerade steigt man in sein Auto ein, da beugt sich ein junger, kräftiger Mann auf dem Gehweg neben dem Auto nieder, hebt offenbar etwas auf, kommt flink zur Fahrertür und hält einen goldenen Ring in der Hand. Ob man den Ring verloren habe, fragt er mit nicht identifizierbarem Akzent. Nein, hat man nicht; er solle ihn mitnehmen und am besten zum Fundbüro bringen. Das könne er nicht. Warum nicht?

          Jetzt kommt eine Suada in gebrochenem Deutsch: seine angebliche Herkunft von sonst woher, er hierzulande nicht aufgenommen, dürfe sich auf keiner Behörde zeigen. Er blickt in die Innenseite des Autos und in die des Rings, verweist auf einen Stempel dort und legt ihn auf die Armlehne der noch halb geöffneten Fahrertür. Man könne den wertvollen Ring doch selbst viel besser brauchen, ihm dafür nur etwas Geld geben, in seiner Situation. Man will aber keinen fremden Ring, wirft ihn beinah aus dem Auto hinaus zurück in seine Hand. Und man hat inzwischen keine Lust mehr auf weitere Freundlichkeit in dieser Begegnung, knallt die Fahrertür von innen zu und startet das Auto.

          Eine Gesellschaft von Schnäppchenjägern

          Der Gedanke stellt sich schnell ein, dass offenbar kein Trick zu blöde ist, dass er nicht irgendwann einmal bei einem selbst ankommen könnte. Und dass nur von Glück zu reden ist, dass nicht eine zweite Person dabei war, die während des kurzen Austauschs die auf dem Beifahrersitz stehende Handtasche vom Gehweg her hätte stehlen können.

          Tatsächlich bestätigt die Eingabe „Goldener Ring Trick“ im Internet später den Verdacht – mit mehr als hunderttausend Treffern, in Varianten. Die Nummer mit dem völlig wertlosen Ring ist seit gut einem Jahrzehnt unterwegs, überall in Europa; es geht um organisierte Bandenkriminalität. Der Trick ist an sich schon fies genug, oberflächlich appelliert er, ganz klassisch, an das Mitleid. Doch zugleich spekuliert er, unangenehm genug, auf eine andere weitverbreitete Eigenschaft. Denn wer den Ring an sich nimmt – was angesichts des Erfolgs dieser Masche offenbar immer wieder geschieht –, mag nicht selten denken, er habe da ein Geschäft gemacht, Gold gegen kleines Geld. Damit trifft der Ringtrick, bestimmt nicht unbeabsichtigt, ins Mark einer Gesellschaft von Schnäppchenjägern.

          Aber die wirkliche Gemeinheit reicht noch tiefer. Typen wie jener, dem man da jetzt begegnet ist, befördern das latente Misstrauen, den generellen Verdacht gegen alle Fremden und solche, die so aussehen, unterwegs auf unseren Straßen. So einer kann sie mit hineinzwingen, in den Misskredit seiner Gaunerei zum Zweck der Selbstbereicherung. Und so wird am Ende doch, hat man diese fatale Konsequenz einmal begriffen, Hagens letzter Aufschrei in Wagners Oper vom Untergang – in der genauen Umkehr seiner Perfidie – zur dringlichen Aufforderung an zivile Achtsamkeit: „Zurück vom Ring!“

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

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