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Betreuungsgeld : Nennt es, wie ihr wollt, es ist Bevormundung

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Für die Selbstbestimmung moderner Familien: Laura Sophie Dornheim ist Mitglied der Piratenpartei. Bild: picture alliance / rtn - radio t

Es gehe um „das Wohl unserer Familien und Kinder“, sagen die Befürworter des geplanten Betreuungsgeldes. In Wahrheit geht es darum, einer ganzen Generation ein veraltetes Familienbild aufzuzwingen.

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          Ich habe (noch) keine Kinder, meine Partei sitzt (noch) nicht im Bundestag. Aber als junge Frau, als Berufstätige und als Piratin bin ich ein Teil der großen Mehrheit in diesem Land, die sich gegen das von der Regierung geplante Betreuungsgeld stellt - weil es keiner Familie hilft, weil es Steuergelder verschwendet und weil es eine politische Farce ist.

          Es gehe ihr mit dem Betreuungsgeld um nichts weniger als „das Wohl unserer Familien und Kinder, das kostbarer ist als alle Schätze der Welt“, schreibt Dorothee Bär, familienpolitische Sprecherin der CDU/CSU-Bundestagsfraktion und stellvertretende Generalsekretärin der CSU, in dieser Zeitung (F.A.Z. vom 15. Juni).

          Frauen müssen weder auf Karriere noch auf Kinder verzichten

          Selbstverständlich sind Kinder ein Schatz, den niemand in Geld aufwiegen kann. Doch wie sich aus dieser unstrittigen Feststellung ein Argument für das Betreuungsgeld stricken lassen soll, bleibt mir schleierhaft. Vielmehr scheint es, als versuche die CSU-Politikerin krampfhaft, einer ganzen Generation zukünftiger Eltern - meiner Generation - ihr veraltetes Familienbild aufzuzwingen.

          Wer seine Kinder wirklich liebt, betreut sie zu Hause: Das scheint das realitätsferne Motto zur moralischen Erpressung junger zu Eltern sein. Ganz abgesehen davon, dass Zeit noch nie eine sinnvolle Maßeinheit für Liebe war, sollte die Regierung es Eltern nicht noch schwerer machen, Beruf und Familie ohne schlechtes Gewissen miteinander zu vereinbaren. Es ist eine große Errungenschaft unserer Gesellschaft, dass heute Frauen realistische Chancen haben, weder auf Karriere noch auf Kinder verzichten zu müssen. Aber immer noch müssen sie sich pausenlos rechtfertigen, wenn sie sich für beides entscheiden.

          Mein Beruf ist Teil meiner Identität

          Ich will nicht gezwungen werden, auch nur darüber nachzudenken, ob mir die monatelange Unterbrechung meiner Berufstätigkeit ein paar hundert Euro wert ist. In meine Ausbildung habe ich viel Zeit und der Staat viel Geld gesteckt, mein Beruf ist weit mehr als Broterwerb und Quelle für Steuereinnahmen, er ist ein essentieller Teil meiner Identität. Darauf für mehrere Jahre verzichten zu müssen würde meinem Kind eine sehr unglückliche Mutter bescheren.

          Was ich mir hingegen wünsche, sind veränderte Rahmenbedingungen am Arbeitsmarkt, die unseren individualisierten Lebensentwürfen und unterschiedlichen Familienplanungen gerecht werden. Und ganz konkret die Möglichkeit, mein Kind in einer Krippe betreuen lassen zu können, ohne es bereits vor der Empfängnis in Wartelisten eintragen zu müssen, und zwar in einer Einrichtung, die in der Nähe meines Wohnortes ist, in der genügend gutausgebildete und entsprechend bezahlte ErzieherInnen sich um kleine Kinder kümmern.

          Derzeit wäre das wahrscheinlich nicht möglich. Viel zu wenige Eltern haben aktuell überhaupt eine Wahl. Selbst konservative Schätzungen gehen davon aus, dass in Deutschland rund 300000 Krippenplätze fehlen. Diese Lücke zu schließen wäre ein Schritt in Richtung echter Wahlfreiheit. Stattdessen sollen Steuergelder dafür eingesetzt werden, dass Mütter ihre Berufstätigkeit zurückstellen. Zwar wird das Betreuungsgeld auch ausbezahlt, wenn ein Vater sein Kind erzieht; in der Realität sieht es allerdings immer noch so aus, dass im Zweifelsfall der Elternteil zu Hause bleibt, welcher weniger verdient, und in Deutschland ist das in aller Regel die Mutter.

          Es sei „Unfug“ zu behaupten, Mütter würden durch das Betreuungsgeld dazu angeregt, zu Hause zu bleiben, behauptet die konservative Familienpolitikerin. Doch genau das belegt eine aktuelle Studie der Universität Heidelberg, die die Auswirkungen des thüringischen Betreuungsgeldes untersucht hat. Der Anteil der Mütter von Kleinkindern am Arbeitsmarkt sank seit der dortigen Einführung des Betreuungsgeldes um zwanzig Prozent. So erscheint auch Bärs Lobgesang auf die elterliche Liebe, aus der allein die „unersetzbare Bildung“ kleiner Kinder hervorgehe, nahezu heuchlerisch, wenn offenkundig durch das Betreuungsgeld die dramatische Ungerechtigkeit im deutschen Bildungssystem noch weiter verstärkt wird.

          Studien zum Betreuungsgeld in Deutschland und Skandinavien zeigen einen deutlichen Rückgang der Zahl an Kleinkindern, die eine Krippe besuchten, dramatischerweise besonders unter denen aus sozial schwachen Familien oder solchen mit Migrationshintergrund. Dabei sind, auch das ist vielfach belegt, Krippen für die späteren Chancen dieser Kinder besonders wichtig. Natürlich sollen Mütter und Väter die Möglichkeit haben, ihre Kinder so lange selbst zu betreuen, wie sie es persönlich für richtig halten. Doch diese Möglichkeit existiert bereits, sie ist nicht neu und wird keineswegs erst durch das Betreuungsgeld geschaffen.

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