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Gerhard Steidl zum Siebzigsten : Bücher sehen, hören und riechen

Erst wenn der Tag zu Ende ist, geht der weiße Laborkittel an die Garderobe: Gerhard Steidl in seinem Büro. Bild: Freddy Langer

Niemand auf der Welt druckt schönere Bücher als Gerhard Steidl. Wenn es sein muss, erfindet er sogar eigenes Papier. An diesem Sonntag wird er siebzig.

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          „Das ist das Imperium“, sagt Gerhard Steidl. Er sagt es nüchtern, ohne erkennbare Miene. Dann zählt er im Stakkato die Gebäude auf: das Technikhaus, das Halftone Hotel, das Günter Grass Archiv, das Kunsthaus Göttingen, dessen Direktor er ist, die Offset-Druckerei. Sogar die Einfahrt zum großen Hof, um den herum die Gebäude stehen, erwähnt er, während wir vom dritten Stock aus auf das Karree herunterschauen. Dann das Archiv, das Fine Art Printing Studio, das Atelier von Jim Dine, deutet er im Halbkreis weiter von Bau zu Bau, dazu die kleine Ausstellungshalle für Jim Dine, sein eigenes Wohnhaus, schließlich das Bücherhaus, in dem Exemplare aller Bände stehen, die Gerhard Steidl je verlegt hat oder zumindest gedruckt, fünftausend Titel insgesamt. Ein Haus ist ans andere gesetzt, eines noch im Rohbau, ein anderes stammt aus dem dreizehnten Jahrhundert, und später wird Gerhard Steidl auf eine Baulücke deuten und im gleichen unaufgeregten Ton sagen, dass er dort etwas mit dem Schweizer Architekten Peter Zumthor plane.

          Freddy Langer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          „Steidl Village“ hat die Künstlerin Roni Horn das Gebäudeensemble einmal genannt. Und Steidl? Kümmert er sich als der brave Dorfschulze darum? Oder ist er doch lieber Imperator? Er zögert, fast so, als sei ihm die Frage noch nie gestellt worden. Dann verweist er zum Vergleich auf das vermeintliche Durcheinander in der Küche eines Sterne-Restaurants, in der dennoch alle Handgriffe aufeinander abgestimmt sind, so dass durch einen exakten Plan und eben nicht wegen eines Wunders alle Gerichte perfekt auf den Tellern und Tischen landeten. Solch einen Betrieb leite er, sagt er, quasi als Chefkoch. Seinem Blick entgeht nichts. In allen Abteilungen greift er ein. Ständig. Und überall zugleich, so scheint es. Hier lässt er Stoff zuschneiden für einen Buchumschlag, dort die Schablone für einen Prägedruck. Für noch die geringsten Veränderungen von Grauwerten in der Druckerei bestimmt allein er die Prozentzahlen. Und zwischendurch nimmt er an seinem Mobiltelefon, das so alt ist, dass es einen Platz in einem Museum verdiente, einen Auftrag von Chanel entgegen, weitere 140.000 Exemplare des aktuellen Magazins zu drucken.

          Ideen fallen doch vom Himmel

          „Alles“, sagt er, „tröpfelt hier von oben nach unten.“ Im Vorbeigehen zieht er eine schematische Zeichnung mit dem Querschnitt seines Hauses aus einem Regal: „Oben die Bibliothek, in der die ersten Treffen mit Künstlern und Kunden stattfinden, darunter die Abteilung für die Entwürfe der Bücher, darunter die Technik samt Bildbearbeitung und im Parterre die Druckerei.“ Dort, erzählen seine Angestellten, beginne für ihn jeder Tag, wenn er morgens um fünf die Paletten mit den fertigen Bögen durch die Halle fahre und die Stapel sortiere. Festangestellte Fahrer bringen sie dann mit seinen Lastwagen zum Buchbinder. Durch den Fuhrpark, erklärt Steidl, sei er nicht von den Terminkalendern der Spediteure abhängig. Seine eigenen seien kompliziert genug. Statt von Besessenheit spricht er von Effizienz. Dennoch gibt es auf der Zeichnung mit dem Querschnitt des Hauses zwei Pfeile, die von oben aufs Dach zeigen. Dazwischen steht: „Ideas from Heaven“.

          Angefangen hat alles in einer Garage, nur einen Steinwurf vom heutigen Unternehmenssitz entfernt. Dort hat sich Steidl nach dem Abitur eine Siebdruckwerkstatt eingerichtet. Die Technik erlernt er auf Einladung Andy Warhols in dessen Factory und später bei den Dekorateuren von Karstadt in Göttingen. Erste Aufträge holt er sich bei Klaus Staeck, für streng limitierte Blätter zunächst, dann entwickeln die beiden 1971 eine Plakataktion für Nürnberg, während dort die Haus- und Grundbesitzer tagen. „Würden Sie dieser Frau ein Zimmer vermieten?“, steht über der Dürer-Zeichnung von dessen verhärmter, ins Leere starrenden Mutter. Die gerasterte Vorlage hatte Steidl aus dem Redaktionsmüll des „Göttinger Tageblatts“ gefischt, als er seinem Vater, der dort die Druckmaschinen reinigte, ein Mittagessen brachte. So schlicht waren die Verhältnisse damals, so einfach war das. Dreihundertmal dürfen Staeck und Steidl ihren Entwurf in Nürnberg an Litfaßsäulen kleben. Anschließend verkaufen sie das Blatt zehntausendmal.

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