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Gerhard Steidl zum Siebzigsten : Bücher sehen, hören und riechen

Lebenswerke mit Ewigkeitsanspruch

Nichts geschieht bei Steidl ohne die Künstler. Einerlei, wo sie wohnen, besucht er sie, bisweilen nur für Stunden, um sich mit ihnen durch deren Archive zu blättern, bevor er am selben Tag den Nachtflug nimmt, um am Morgen zurück in Göttingen zu sein. Anschließend holt er umgekehrt die Künstler in den Verlag, gibt ihnen eine Wohnung und lässt ihnen jeden Mittag vom eigenen Koch ein Drei-Gänge-Menü servieren, bloß damit sie nicht in irgendwelchen Lokalen der Göttinger Innenstadt verlorengehen, arbeitet Tage oder Wochen mit ihnen an jedem Detail ihres Buchs und stellt sich mit ihnen an die Druckmaschine, wie derzeit mit Gilles Peress, der seit August in Göttingen ist, um sicherzustellen, dass jeder Ton der achthundert Aufnahmen seines Bands über den Irland-Konflikt getroffen ist. Steidl spricht tatsächlich von „Sound“.

Strenggenommen folgt auch Gerhard Steidl zeitlebens einem Thema, bloß eben als Techniker: Die Frage, die ihn nicht loslässt, ist die nach der Qualität. Duotone, Tritone, Quadrotone – Jahr für Jahr verbesserte er die Brillanz seiner Bücher. Er experimentiert mit Papieren und erfindet notfalls sein eigenes, wenn der Markt nicht bietet, was er sucht. Er experimentiert mit Lacken, Ölen und Farben. Aber selbst wenn er von Oberfarben und von Unterfarbenreduzierung spricht, bleibt er dem trockenen Duktus des Buchhalters verhaftet. Erst vor einem Regal mit Stapeln von Dosen der Farbe Grau, darunter allein elf Schattierungen von Cool Grey, verliert er einen Moment lang seine Sprödigkeit. „Mehr als eine Million Töne lassen sich daraus mischen“, sagt er. Er sagt es so, als habe er sie allesamt exakt vor Augen.

Wie raschelt das Papier beim Blättern, wie schimmert es, wie riecht die Farbe, wenn man das Buch aufschlägt. Auch das sind Fragen, die Steidl interessieren. „Das ist Physik“, sagt er, den man in seinem Haus kaum je ohne weißen Laborkittel sieht. Aber es klingt nach Alchemie, möchte man kontern.

Dabei macht Steidl kein Geheimnis aus seiner Kunst, im Gegenteil: Mit der Steidl Academy will er, der an diesem Sonntag siebzig Jahre alt wird, seine Erfahrungen weitergeben an die nächste Generation – dazu Drucker aus aller Welt nach Göttingen holen und später zu ihnen reisen, um mit ihnen an deren Maschinen zu arbeiten. „Es gab sehr konkrete Pläne. Dann kam Corona.“

Steidls Unternehmen gleicht einer Manufaktur, ist ein Ein-Mann-Betrieb mit vierzig Angestellten – und auf dem höchstmöglichen technischen Stand. Nur einmal hört man Nostalgie heraus, wenn er gesteht, das Geräusch des Trommelscanners zu lieben. Doch damit sei es vorbei, zuckt er mit den Schultern und zeigt auf die jüngste Erwerbung, eine Phase One Heritage Reprokamera. „Nicht billig, das Baby. 170.000 Euro.“ Noch, gibt er zu, seien sie dabei, die Software zu ergründen. Vielleicht ist Gerhard Steidl, der inmitten einer digitalen Welt mit seinen Büchern alle Sinne bedienen will, so etwas wie der Gutenberg des einundzwanzigsten Jahrhunderts. Längst holen sich die großen Hersteller von Druckmaschinen Rat bei ihm.

Im Parterre schiebt sich derweil aus seiner dreizehn Meter langen Druckmaschine mit sechs Türmen Bogen für Bogen heraus. Der Zähler steht auf 313.063.854, als der Fotograf Gilles Peress ein weiteres Mal um eine Korrektur bittet. Er weiß, dass er nur eine Chance hat. Zweite Auflagen gibt es bei Steidl fast nie. Nachdrucken, sagt er, sei langweilig. Lieber stürze er sich in neue Projekte. Und obwohl er in drei Schichten rund um die Uhr druckt, kommt er mit der Produktion nie nach. Zweitausend Anfragen von Fotografen erhält er jedes Jahr, ob sie mit ihm ein Buch machen dürften. Denn jeder weiß, dass ihm niemand ein besseres macht.

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