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Gerhard Steidl zum Siebzigsten : Bücher sehen, hören und riechen

Bücher als Kunstwerke: Steidl-Po-Up-Store in der Kölner Galerie Zander
Bücher als Kunstwerke: Steidl-Po-Up-Store in der Kölner Galerie Zander : Bild: Galerie

Durch Staeck lernt Steidl weitere Künstler kennen. Marcel Broodthaers zunächst, dann Nam June Paik und Joseph Beuys, dem er kaum noch von der Seite weicht. „Befragung der Documenta oder Die Kunst soll schön bleiben“, titelt er 1972 sein erstes Buch im frisch gegründeten Verlag. Gemeinsam mit Beuys und Staeck bietet er die Bände in Kassel von einem Tapeziertisch herunter an. Als ihn zu dieser Zeit ein Genosse bei den Göttinger Jusos auf eine zum Verkauf stehende Immobilie in der Altstadt hinweist, greift er zu. Das Haus ist der erste Teil des späteren Steidl Village. Der Genosse ist Gerhard Schröder, der später Bundeskanzler wird.

Es gibt Augenblicke, Weichenstellungen im Leben Steidls, da glaubt man sich in einem Schelmenroman. Dabei leiten ihn vor allem zwei Gedanken: das Streben nach Perfektion und eine gewisse Unverfrorenheit, wenn es darum geht, Menschen anzusprechen. Weshalb noch niemand seinen Grafiken einen Band gewidmet habe, fragt er Günter Grass in einem Brief, investiert in eine bessere Druckmaschine und bringt das Buch 1986 heraus. Bald übernimmt er auch dessen Romane, und 1993 erwirbt er die Weltrechte am gesamten Werk. Sechs Jahre vor dem Nobelpreis. Auch Karl Lagerfeld überzeugt er mit Qualität. Er macht Probedrucke von dessen Fotografien, schickt sie nach Paris und bietet an, einen Bildband zu verlegen. Lagerfeld ist begeistert. Steidls Hinweis, dass es sich um sehr teures Papier handele, wischt der Modemacher elegant zur Seite: „Gerhard, sind wir arm?“ Der Bildband erscheint 1993. Er heißt „Off the Record“.

Geschäftspartner werden zu Freunden: Gerhard Steidl und Karl Lagerfeld
Geschäftspartner werden zu Freunden: Gerhard Steidl und Karl Lagerfeld : Bild: dpa

Grass und Lagerfeld sind fortan die Standbeine des Verlags. Außerdem übernimmt Steidl Druckaufträge. Mal für Privatpersonen, die sich in ihrer Freizeit zu künstlerischer Tätigkeit berufen fühlen und denen es an Geld nicht mangelt, aber an jemandem, der ihrem Werk eine überzeugende Form gibt – „BTB“ nennt Steidl das: Bücher für Billionäre. Mal für Verlage mit ähnlicher Ausrichtung und hohen Ansprüchen, für Scalo beispielsweise, ein Unternehmen für Kunst und Fotokunst mit sehr ehrgeizigen Plänen. Als Scalo darüber insolvent geht, übernimmt Steidl viele der Künstler, darunter Robert Frank, dem er anbietet, dessen Gesamtwerk zu publizieren. Alle Bücher, alle Filme und darüber hinaus alles, was Frank in seinen späten Jahren noch einfallen sollte. Nicht ausgeschlossen, dass dies für Frank lebensverlängernde Wirkung hatte. Denn es kommt sehr viel zusammen. Mit nichts davon ist so viel Geld zu verdienen wie mit „The Americans“, Franks wegweisendem Bildband aus den fünfziger Jahren, dem vielleicht bedeutendsten Fotobuch überhaupt. Sehr lange Zeit war es nur antiquarisch zu horrenden Preisen erhältlich. Steidl will den Band nun für immer vorrätig halten. Und man fragt sich, weshalb das niemand vor ihm tat. Denn ein wenig war es so, als hätte man Goethes „Faust“ nur antiquarisch in der Erstausgabe bekommen können. Robert Franks Nachlass hingegen rührt er nicht an. „Wie soll ich wissen, wie Frank das gemacht hätte.“ Für ihn ist das Werk komplett. Und auch bei Grass ist das so. Die Tagebücher seien Privatsache, habe Grass stets gesagt. Also wird Steidl sie nicht veröffentlichen.

„Das Werk!“ Das ist es, was Gerhard Steidl interessiert. Genauer: das Lebenswerk, für das jemand nie aufgehört hat, sich mit künstlerischen Mitteln selbstgestellten Fragen zu widmen. Wenn ihn ein solches Werk überzeugt, erhalten die Künstler Carte Blanche. Mit dem Südafrikaner David Goldblatt, der Inderin Dayanita Singh, dem Deutschen Jürgen Teller und Amerikanern wie Joel Sternfield und William Eggleston, Gordon Parks und Lewis Baltz hat er jeweils bis zu einem Dutzend Bücher gemacht. Für sie ist ihm kein Aufwand zu groß, selbst wenn das bei meist kleinen Auflagen Phantastillionen kostet, wie man im Haus Steidl sagt. Am Ende können dann zehn Bände in einem Schuber stecken, zum Preis von tausend Euro. Und wenn die Gestaltung besonders aufwendig war, wie bei der von Ed Ruscha illustrierten Ausgabe des Kerouac-Romans „On the Road“, kann der Preis auf zehntausend steigen. Dennoch bleibt der Durchschnittspreis seiner Bücher eher moderat.

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