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Expo Mailand : Erst die Kochkunst rettet uns vor der Barbarei

Kathedrale für Ernährungsbewusste: der britische Pavillon auf der Expo Bild: dpa

Was habt ihr gegessen? Und war es gut? Die Weltausstellung in Mailand widmet sich vor allem der Frage nach der Ernährung der wachsenden Menschheit. Und jedes Land hat seine eigene Antwort.

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          Was ihr persönlicher Expo-Moment gewesen sei? Die Amerikanerin im Pavillon der Vereinigten Staaten lässt sich auf eine Bank fallen, die Füße müde vom stundenlangen Marsch über das Weltausstellungsgelände, und sagt: diese Plastikblumen bei den Aserbaidschanern. Auf Berührung wechselten sie die Farben und ließen Musik erklingen. „Extraordinary!“ Für die Jungs einer lombardischen Unterstufenklasse dürfte das eher die kasachische Folkloresängerin im eurovisionstauglich superengen Glimmerkleid gewesen sein, die sie mit offenen Mündern anstaunten. Und für das Paar aus Singapur der Augenblick, in dem den beiden klar wurde: Es gibt kein schrecklicheres Getränk als vergorene Stutenmilch.

          Ursula Scheer
          Redakteurin im Feuilleton.

          Die einheimischen Besucher im italienischen Pavillon aber, der nicht Pavillon heißt, sondern Palazzo Italy, sind glücklich. „Gut gemacht, wirklich gut gemacht!“, sagt ein Mann aus Rom immer wieder. Erleichterung schwingt in seiner Stimme, als er das Smartphone zum Selfie hebt. Auf den Bildern wird er im Herzstück der Ausstellung des Gastgeberlands zu sehen sein, inmitten eines multimedialen Spiegelkabinetts, das die Besucher durch Reflexionen und Videoanimationen an Wänden, Decke, Boden erst in die Totalität einer italienischen Landschaft, dann nach Venedig versetzt. Schönheit ist das Motto der Spiegelsäle, „bellezza“. Diese Räume sind auch Orte der italienischen Selbstvergewisserung.

          „Den Planeten ernähren, Energie für das Leben“, darum soll es eigentlich gehen auf der Mailänder Expo. Begleitet wurde ihr Werden vom Üblichen: Korruptionsvorwürfen, Postengeschacher, Kompetenzstreitigkeiten. Die Eröffnung überschatteten gewalttätige Proteste auf den Straßen der Innenstadt. Aber man war pünktlich fertig und stolz darauf. Eine Woche später drängen sich die Massen über das Messegelände in Mailands Norden, auf dem es an manchen Stellen noch nach frischem Asphalt riecht, und es zeigt sich: Mit der Themenwahl dieser Weltausstellung, die sich bewusst unterscheiden will von den sonst üblichen technischen Hochleistungsschauen, ist das bel paese ganz bei sich. Schon für die Römer habe gegolten: Die Kochkunst unterscheide den Barbaren vom kultivierten Menschen, steht auf einer Wand.

          Proteste gegen die Messe in der Mailänder Innenstadt
          Proteste gegen die Messe in der Mailänder Innenstadt : Bild: AP

          Die Ernährung der Menschheit ist ein Zivilisationsprojekt, so erzählt es auch der Eingangspavillon und illustriert diese Kulturgeschichte mit lebensgroßen weißen Figuren von Nutztieren und einem das Dach sprengenden Baum. Rund um Tische und Tafeln gruppieren sich andeutungsweise die Themen, die jenseits des eigenen Tellerrands liegen.

          Hunderte Millionen Menschen leiden an Unternernährung und haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser, in den Industrienationen schnellt die Zahl der Fettleibigen in die Höhe, Globalisierung lässt traditionelle Esskulturen verschwinden, die extensive Landwirtschaft vernichtet Artenvielfalt und Bodenressourcen, Lebensmittel sind Gegenstand von Spekulationsgeschäften, die Meere werden überfischt, und der Hunger der Menschheit wächst mit ihr - die Probleme sind bekannt und groß, sie sind nicht gerade appetitlich, und sie lassen sich mit vollem Bauch eigentlich auch nicht angemessen diskutieren. Schon gar nicht auf einem riesigen Areal voller Restaurants in kurzlebiger Prestigearchitektur, die sich wahlweise landestypisch gibt wie eine Kulisse in einem Themenpark oder kühl sagen will: Wir sind auf der Höhe der Zeit.

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