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Andrea Diener, Redakteurin im Feuilleton

Autoren sind Kassengift : Männer abgehängt

  • -Aktualisiert am

Rocklos erfolgreich: George Sand, hier dargestellt von Merle Oberon in einem Film von 1945. Bild: Picture-Alliance

Früher gaben sich Autorinnen männliche Pseudonyme, um im harten Markt zu bestehen. Heute dominieren Frauen die Bestseller-Liste.

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          Die britische Belletristik-Bestsellerliste des vergangenen Jahres, so lässt uns der „Guardian“ wissen, ist sehr überwiegend weiblich. Als einziger Mann in den Jahres-Top-Ten hat sich Haruki Murakami auf dem sechsten Platz behaupten können. Mit ihm ließ sich immerhin noch eine Million Pfund verdienen. Ansonsten aber scheinen männliche Autoren in Großbritannien Kassengift zu sein, denn Margaret Atwood sorgte für fast den dreifachen Umsatz. Elena Ferrante lag auf Platz fünf, und damit noch vor dem japanischen Jazzkatzenmädchen-Autor.

          Stark vertreten sind außerdem Frauen mit britischem Kolonisationshintergrund wie Zadie Smith (Mutter aus Jamaica), Arundhati Roy (Indien), Ali Smith (Schottland) und Maggie O’Farrell (Irland). Weiße britische Männer wie Ian McEwan und Julian Barnes kommen da nicht mit. Auch nicht Kazuo Ishiguro.

          Sie trug auch privat gerne Hosen

          Was tut man angesichts drohender Einkommenseinbußen nun als männlicher Autor? Man nimmt sich ein Beispiel an der Methode, mit der sich die Frauen die letzten Jahrhunderte durchgeschlagen haben. Als die alleinerziehende Mutter Joanne K. Rowling ihr Manuskript bei Bloomsbury Publishing abgab, riet man ihr dazu, es unter dem geschlechtsneutralen Kürzel „J. K. Rowling“ zu veröffentlichen, denn man fürchtete, Jungen würden nur ungern von Frauen verfasste Bücher lesen. Vornameninitiale hingegen sind eine bewährte Sache im angelsächsischen Raum, man denke etwa an C. S. Lewis, W. H. Auden, T. S. Eliot und natürlich J. R. R. Tolkien.

          Bewahrheitet hat sich die Befürchtung in Sachen Rowling zum Glück nicht, scharenweise zog es die Jungs zum Buch, dennoch lässt sich die Angst vor der Frau als Autorin durch die halbe Literaturgeschichte verfolgen. Drei Schwestern nannten sich Ellis, Acton und Currer Bell, bevor sie als Emily, Anne und Charlotte Brontë bekannt wurden. Amantine Lucile Aurore Dupin hingegen kennt man heute als George Sand, ihre männliche Identität war jedoch mehr als nur merkantile Notwehr, sie trug auch privat gerne Hosen, als es noch keine Frau außer ihr tat. Mary Ann Evans hingegen befürchtete, politisch nicht ernst genommen zu werden, und schrieb den Roman „Middlemarch“ lieber unter dem Künstlernamen George Eliot. Mary Shelley trieb ähnliche Befürchtungen um, weshalb sie Frankenstein lieber gänzlich anonym veröffentlichte.

          Bleibt nur, den mutigen Autorinnen und Autoren zu danken, die den Weg bereiteten. Jane Austen etwa, die als „A lady“ publizierte und damit an ihrem Geschlecht keinen Zweifel ließ. Und Evelyn Waugh, der eigentlich Arthur Evelyn St. John Waugh hieß und es einfacher hätte haben können. Stattdessen heiratete er eine Frau namens Evelyn, man nannte das Paar fürderhin „He-Evelyn und „She-Evelyn“ und es wurde trotz allem ein großer Autor aus ihm.

          Andrea Diener
          Redakteurin im Feuilleton.

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