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Gina Thomas (G.T.)

Bestechung im Klassenzimmer : Polier den Apfel

  • -Aktualisiert am

„Thank you teacher“: Man glaubt es kaum, womit reiche Eltern an britischen Privatschulen die Lehrer umgarnen.

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          Der alte Brauch, Lehrern als Zeichen der Wertschätzung einen Apfel aufs Pult zu legen, soll seine Ursprünge in ländlichen Gemeinden haben, wo arme Bauern die Früchte ihrer Ernte als Zahlung brachten und die ebenso unbemittelten Beschenkten die Nahrung dankbar entgegennahmen. Die Symbolik, so eine Erklärung, sei auf das Buch Genesis und den Baum der Erkenntnis zurückzuführen. Demnach sei der Apfel ein Zeichen der Anerkennung für das Wissen, das der Lehrer vermittele – eine sonderbare Vorstellung, bedenkt man, dass die Frucht von dem biblischen Baum verboten war.

          Jedenfalls hat sich die Tradition, den Lehrer mit einem glänzenden Apfel bei Laune zu halten, vor allem in Amerika so stark eingebürgert, dass der Begriff „polish the apple“, der etwas vornehmer ausdrückt, was der Volksmund als schleimen bezeichnet, davon hergeleitet wird. Aus Amerika kommt auch die inzwischen in Britannien heimische Gepflogenheit, Lehrer zu Weihnachten und am Ende des Schuljahres großzügiger zu beschenken. Die Kaufhauskette Marks and Spencer führt sogar kreditkartenähnliche Gutscheine, die den Aufdruck „Thank you teacher“ tragen und mit bis zu fünfhundert Pfund aufgeladen werden können.

          Das Bestechungsgesetz von 2010

          Mehrere Online-Verkäufer bieten unter der Rubrik „Geschenke für Lehrer“ Gaben feil, „die sehr viel länger halten als der traditionelle Apfel“ wie Stifthalter in der Form eines Anspitzers, personalisierte Becher und Biergläser sowie weniger sinnvoller Krimskrams. Mehr und mehr nimmt diese Sitte, zumal an britischen Privatschulen, exzesshafte Züge an, wie das Aufgebot an Müttern zeigt, die ihre Kinder am letzten Schultag mit teuren Markentüten am Tor abliefern. Prada-Handtaschen, Hermès-Tücher, kistenweise Jahrgangsweine, Privatflüge, der Schlüssel zur Ferienvilla und in einem Fall sogar ein Brillantcollier gehören zu den Luxusartikeln, mit denen Eltern in einem von den Plutokraten aus Russland, China und dem Nahen Osten angeheizten Wettbewerb hoffen, den anderen um eine Nasenlänge voraus zu sein, und mitunter auch erreichen, dass ihre Kinder bevorzugt werden.

          Die Hochglanzzeitschrift „Tatler“, die in ihrem Juni-Heft unter dem Titel „Korruption im Klassenzimmer“ eine Reportage über die unangemessen extravaganten Aufmerksamkeiten veröffentlicht, hat einige Schulen aufgefordert, ihre Geschenkpolitik zu erläutern. Die meisten berufen sich auf das Bestechungsgesetz von 2010 und erklären, dass Geschenke ab einem bestimmten, je nach Schule meistens zwischen zwanzig und hundert Pfund variierenden Betrag gemeldet werden müssen. Viele distanzieren sich von der „aggressiven und manipulierenden“ Kultur des Schenkens. Dennoch ist es heute wahrscheinlicher, dass Lehrer ein Gerät von der Marke Apple auf dem Pult vorfinden als einen prallen Apfel.

          Gina Thomas
          (G.T.), Feuilleton

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