https://www.faz.net/-gqz-896bl

Bestattungsmesse in Moskau : An Lenin lernen

  • -Aktualisiert am

Nicht nur die jahrzehntelang an der Leninmumie geschulte Balsamierungskunst ist in Russland quicklebendig: Bei der Moskauer Bestattungsmesse „Nekropolis“ würde man vor Begeisterung am liebsten sterben.

          2 Min.

          Wer glaubt, Russland sei depressiv und innovationsunfähig, der wurde auf der soeben in Moskau zu Ende gegangenen Bestattungsmesse „Nekropolis“ eines Besseren belehrt. Die Produktschau von Sargmachern, Denkmaldesignern, Modeschöpfern für Verstorbene, Hinterbliebene und Totengräber auf dem ehemaligen Ausstellungsgelände für sozialistische Errungenschaften gilt als die populärste ihrer Art in Europa und war ein Publikumsmagnet.

          Bei den Särgen ist neben schwarzlackierter Klassik und feminin filigraner Engelchenbemalung im Stil russischer Schmuckikonen neuerdings ein Materialmix von Hölzern und Textilien im Kommen, den Hipster schätzen sollen. Außerdem Särge mit Tapetendekor, die besser mit Wohnzimmern harmonieren. Die letzte irdische Wohnstatt bekommt für einen geringen Aufpreis auch ein Kruzifix oder das Intarsienbild des Auferstandenen. Der Hit der Saison ist eine futuristische Kapsel in grellem Orange, die offenbar Ferrarifahrer oder Yachtkapitäne ansprechen soll. Mindestens 28.000 Euro kostet die Form gewordene Hymne an die Dynamik des Lebens, bei deren Anblick man, wie der Blogger Ilja Warlamow findet, vor Begeisterung am liebsten sterben würde.

          Der russische Erfindergeist ist unsterblich

          Der schmalen Brieftasche kommt der Leihsarg entgegen, angesichts der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes offenbar ein Geschäftsmodell mit Zukunft, dem insbesondere viele der jungen Firmen anhängen. In der letzten Wohnstatt trägt man in Russland heute vorzugsweise traditionelle bestickte Leinenhemden. Auch die schicke Witwe bevorzugt den Retrolook mit bodenlangem schwarzem Kleid, gern auch mit Dekolleté und Trauerflor auf dem falschen Hermelinkragen. Für das Friedhofspersonal hat die Tambower Firma Lotos funktionale Arbeitskleidung mit feinen Goldlitzen entworfen. Der von Kunstschmieden zum schnörkeligen Totenprozessionswagen umgerüstete Kleinlaster aus Nischni Nowgorod beweist die Unsterblichkeit des russischen Erfindergeistes. Wer die Hinfälligkeit des Lebens gern permanent vor Augen hat, kann sich das sargförmige Aquarium mit einem angeblich echten Skelett im trüben Wasser ins Wohnzimmer stellen. Und während ein sibirischer Künstler Meisterkurse im Abnehmen von Totenmasken abhält, stellt die Moskauer Firma Bio Sac neuartige, nichtinvasive Technologien zur Konservierung von Verschiedenen vor. Die jahrzehntelang an der Leninmumie geschulte Balsamierungskunst ist in Russland quicklebendig!

          Kein Wunder, dass Besucher von „Nekropolis 2015“, denen besonders Uhren gefielen, die messen können, welche Frist einem noch bleibt, in den sozialen Netzwerken diese Schau zur optimistischsten des Moskauer Messeprogramms erklärt haben. Das Krematorium von Nowosibirsk verspricht sogar, jemandes Aschepartikel ins Weltall zu befördern, auf Wunsch auch auf die Umlaufbahn von Erde oder Mond. Wer will da noch mit dem Warten auf die neblige Schimäre einer Expedition zum Mars seine Lebenszeit vertun?

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Schwarze Titelseiten in Australien Video-Seite öffnen

          Ruf nach Pressefreiheit : Schwarze Titelseiten in Australien

          Einige der großen Tageszeitungen in Australien erschienen am Montag mit geschwärzten Titelseiten. Damit wollten die Blätter nach eigenen Angaben auf die australische Gesetzgebung aufmerksam machen. Diese erschwere Journalisten die Arbeit, biete keinen ausreichenden Schutz der Pressefreiheit und lasse etwa die Durchsuchung von Redaktionsräumen zu.

          Topmeldungen

          Das britische Unterhaus am Dienstag Abend

          Johnson-Zeitplan abgelehnt : Brexit zum 31.Oktober nahezu ausgeschlossen

          Das britische Parlament hat den Gesetzesrahmen für den Brexit-Deal im Grundsatz gebilligt. Unmittelbar nach diesem Zwischenerfolg lehnte das Unterhaus jedoch den Zeitplan von Boris Johnson ab. EU-Ratspräsident Tust will eine Verlängerung der Brexit-Frist empfehlen.
          Mal wieder Münchner Mitarbeiter des Abends: Robert Lewandowski

          3:2 in Piräus : Bayern retten sich ins Ziel

          Die Bayern geraten bei Olympiakos Piräus früh in Rückstand und unter Druck – aber auf Torjäger Lewandowski ist Verlass. Für die Münchner Abwehr gilt das beim 3:2-Sieg schon wieder nicht.
          Kurze und höchst umstrittene Amtszeit: Stefan Jagsch spricht vor dem Gemeinschaftshaus in Altenstadt-Waldsiedlung.

          Nur einen Monat im Amt : NPD-Ortsvorsteher nach Eklat abgewählt

          Die Wahl eines NPD-Parteimitglieds zum Ortsvorsteher im hessischen Ort Altenstadt hatte bundesweit für Empörung gesorgt. Nun wurde Stefan Jagsch wieder abgewählt. Er fechtet die Entscheidung an – und versammelt einige Unterstützer hinter sich.

          AKK-Vorstoß : Gezielte Überrumpelung

          Annegret Kramp-Karrenbauer hat den Koalitionspartner mit ihrem Syrien-Vorstoß schwer düpiert. Jetzt muss sie ihre Idee so seriös weiterentwickeln, dass sie dem Vorwurf entgeht, es sei ihr nur um die eigene Profilierung gegangen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.