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„Besser die Wahrheit“ : Die Rechnungen für Wulffs Buch ließ Maschmeyer ändern

Bild: dapd

Aus rein privaten Gründen: Wie der Finanzmagnat Carsten Maschmeyer dem Verkauf eines Buches von Christian Wulff auf die Sprünge half.

          Für die Bezahlung der Anzeigen, die der Verlag Hoffmann und Campe im Auftrag des Finanzunternehmers Carsten Maschmeyer vor vier Jahren für ein Buch von Christian Wulff schaltete, ließ dieser die Rechnungen mehrfach neu auszeichnen. Dies bestätigte der Verlag gegenüber dieser Zeitung. Dabei fallen besonders die Rechnungen vom 30. Oktober und 2. November 2007 ins Gewicht. Der Rechnungsgrund „Anzeigen“ wurde auf Wunsch von Maschmeyer in den Rechnungsgrund „Beratungsleistungen“ geändert. Offenbar wollte der Unternehmer seine großzügige Unterstützung verbergen.

          Helmut Mayer

          Redakteur im Feuilleton.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          „Besser die Wahrheit“ heißt der Gesprächsband zwischen Christian Wulff, dem damaligen Landesvorsitzenden der CDU in Niedersachsen, und dem Publizisten Hugo Müller-Vogg. Er erschien im Oktober 2007 bei Hoffmann und Campe, wenige Monate vor Wulffs Wiederwahl zum Ministerpräsidenten, in einer Auflage von fünfzehntausend Exemplaren.

          Wie Günter Berg, seit 2004 geschäftsführender Verleger des Hauses, gegenüber der F.A.Z. bestätigt, hat der Hannoveraner Unternehmer Carsten Maschmeyer Zeitungsanzeigen von gut 42.000 Euro für das Buch aus eigener Tasche finanziert. Davon sind vier Buchanzeigen in der regionalen Presse Niedersachsens ermöglicht worden. Wulff soll, so Maschmeyer, von dieser speziellen Unterstützung seines Freundes nichts gewusst haben. Die Rechnung des Verlags über die Werbekosten ging nicht an das Büro des einstigen Vorstandsvorsitzenden des Finanzdienstleisters AWD, sondern an den Privatmann Carsten Maschmeyer. Dieser überwies schließlich am 19. Februar 2008 den Betrag von 42.731,71 Euro - vier Monate nach Erscheinen der Anzeigen und 23 Tage nachdem Wulff als Ministerpräsident wiedergewählt worden war.

          „Da gab es nichts zu verbergen“

          Der Vorgang, dass ein Unternehmer Anzeigen für ein von ihm nicht geschriebenes Buch bezahle, sei in der Branche „wahrlich nicht die Regel“, so Berg, anders als etwa der Ankauf eines Teils der Auflage, beispielsweise als Geschenke für Kunden oder Mitarbeiter, oder das Ausrichten einer einzelnen Buchpräsentation. Manfred Bissinger, ehemaliger stellvertretender Chefredakteur des „Stern“ und von 2001 bis 2010 bei Hoffmann & Campe Geschäftsführer des Bereichs Corporate Publishing, war verantwortlich für Buch und Werbekampagne. Corporate Publishing kümmert sich um Unternehmenspublikationen, doch ein- bis zweimal im Jahr erscheinen unter der Ägide des Bereichs auch Bücher im Verlagsprogramm, indes ohne expliziten Hinweis auf die Herkunft aus dem Corporate-Publishing-Bereich. Eines davon war der Gesprächsband von Wulff.

          Der damalige Hofmann-und-Campe-Manager Manfred Bissinger sagte gegenüber „Spiegel-Online“, sein Vorgehen sei ganz normal gewesen: „Wir haben damals verschiedene Unternehmer, unter anderen Carsten Maschmeyer, angesprochen, ob sie sich an der Vermarktung des Buchs beteiligen würden. Das ist in der Verlagsbranche üblich und ein absolut normaler Vorgang.“ Dass Privatpersonen Anzeigen finanzierten, sei „kein Geheimnisgeschäft, da gab es nichts zu verbergen“.

          Ohne Rücksprache kaum vorstellbar

          Aber trifft das auch für die Bücher von Spitzenpolitikern und Amtsträgern zu? Und ist es „absolut normal“? In der Buchbranche sieht man das anders. Die Ungewöhnlichkeit der Strategie, das Werbebudget eines Buchs in vergleichbarer Weise aufzustocken, bestätigt etwa Markus Desaga, Pressechef der Verlage DVA und Siedler. Ein solcher Vorgang sei ihm nicht geläufig, würde ihm auch recht merkwürdig vorkommen. Andererseits würde man von Seiten des Verlags, würde denn ein solches Angebot an ihn herangetragen werden, eine solche Entlastung des Werbebudgets wohl auch nicht ablehnen.

          Ulrike Wegner, Sprecherin des Verlags C.H. Beck, schließt das Eingehen auf ein vergleichbares Angebot von privater Seite zwar nicht grundsätzlich aus. Aber im Falle des Buchs eines Politikers sei eine solche Unterstützung in ihrem Haus absolut undenkbar.

          Auch beim Freiburger Herder-Verlag, wo gerade der Gesprächsband von Karl-Theodor zu Guttenberg und Giovanni di Lorenzo erschienen ist, sieht man ein Zusammenspiel wie zwischen Maschmeyer und Hoffmann und Campe ebenfalls kritisch. Eine Sprecherin des Verlags meinte, eine finanzielle Unterstützung von außen sei ohne „Rücksprache mit den Autoren kaum vorstellbar“.

          „Ein ganz normaler Vorgang“

          Maschmeyers persönliche Vorliebe für Politiker-Bücher ist nicht neu: 2006 erwarb der Finanzindustrielle sämtliche Vermarktungsrechte an den Memoiren Gerhard Schröders „Entscheidungen. Mein Leben in der Politik“. Der Kaufpreis von einer Million Euro wurde nicht dementiert. Maschmeyer verkaufte die Rechte weiter. Er habe das Schröder-Buch „gewinnbringend“ vermarktet, teilte seinerzeit die beratende PR-Agentur CNC mit. An den Buchrechten waren zahlreiche Verlage interessiert, den Zuschlag bekam schließlich - Hoffmann & Campe, der „Spiegel“ sicherte sich den Vorabdruck. Ankauf und Verkauf der Rechte seien bekannt gewesen, teilte die PR-Agentur seinerzeit mit. Es habe sich „um einen normalen Kauf und Verkauf“ gehandelt (F.A.Z. vom 5. März). Maschmeyer hatte zuvor, 1998 - ohne sich erkennen zu geben -, für 650.000 Mark eine landesweite Anzeigenkampagne für Schröder gestartet, die unter dem Slogan stand: „Ein Niedersachse muss Kanzler werden“.

          Das Bundespräsidialamt bewertet den Maschmeyer-Wulff-Deal als „ganz normalen Vorgang“.

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