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Besondere Kundenrezension : In eigener Sache

  • -Aktualisiert am

Halten auch in schwierigen Zeiten zusammen: Mackenzie und Jeff Bezos Bild: AFP

Höchststrafe für Bezos-Biograph Brad Stone: MacKenzie Bezos springt ihrem Gatten rezensorisch bei und bewertet Stones „Der Allesverkäufer“ mit nur einem Stern - bei Amazon.

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          Bevor der amerikanische Journalist Brad Stone seine Biographie über Jeff Bezos zu schreiben begann, hatte er sich nach eigener Auskunft mehrere Male mit dem Amazon-Gründer unterhalten. Die Gespräche seien lebhaft ausgefallen, unterbrochen vom charakteristischen Lachen des Befragten. Beim letzten Gespräch habe sich Bezos schließlich vorgelehnt, Stone mit seinem klaren, wachen Blick fixiert und ihn gefragt, wie er beim Schreiben der narrativen Verzerrung entgehen wolle. Während dem überraschten Journalisten die Schweißperlen auf die Stirn getreten seien, habe ihm der Amazon-Gründer seelenruhig die angeborene Neigung des Menschen erklärt, komplexe Realitäten in beruhigende, simple Geschichten zu verpacken. Als solch ein Komplex erschien ihm, nicht zu Unrecht, die eigene Vita.

          Dem Buch, das Stone schließlich schrieb, sind grobe Verzerrungen und Ressentiments nicht anzumerken. „Der Allesverkäufer“ ist eine detailreiche, geradlinige Biographie, die auf akribischer Recherche beruht und sich über weite Strecken mehr als die Biographie eines Unternehmens liest. Ist es Stone anzulasten, dass sie am Ende wenig für den Charakter des Amazon-Chefs und seine Unternehmungen wirbt? Dass MacKenzie Bezos als Ehefrau des Porträtierten diese Ansicht vertritt, ist ihr vorderhand nicht vorzuwerfen. Strittiger ist das Forum, das sie wählte, um Stones Schrift als „irreführendes, einseitiges“ Machwerk zu denunzieren. Die selbst schon als Romanautorin hervorgetretene Unternehmergattin vermerkt dies nämlich in einer Rezension auf der Amazon-Seite selbst, wo sie das Buch schließlich mit einem mickrigen Stern abstraft. Hauptanklagepunkt ihrer Kritik ist die tendenziöse Anreicherung mit fiktionalen Elementen, die quellenfreie Einfühlung in die Sicht ihres Ehemanns.

          Daneben wirft sie Stone zahlreiche Faktenfehler vor und kontert sein angebliches Negativszenario mit ihren eigenen Erfahrungen als langjährige Amazon-Mitarbeiterin. Was als Stilkritik durchaus ernst zu nehmen ist – tatsächlich bewegt sich Stone in manchen Grauzonen –, relativiert sich durch die geringe Anzahl der Fehler, die MacKenzie Bezos konkret benennt. Den Verkaufserfolg der Biographie wird ihr harsches Votum nicht stoppen. Auf der Amazon-Seite wird sie von 48 weiteren Rezensenten überstimmt, die dem Buch im Schnitt viereinhalb Sterne geben. Wie man im Hause Bezos über die Unparteilichkeit der Amazon-Buchrezensionen denkt, dürfte aber ausreichend klargeworden sein.

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

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