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Französischer Kultur-Protest : Ein Hauch von 1968

  • -Aktualisiert am

Die Schauspielerin Corinne Masiero bei der Verleihung der César-Filmpreise Bild: dpa

Besetzte Theater, nackte Haut und die Kulturministerin als Feindbild: So, wie sich in Frankreich gerade die Kulturszene erhebt, fühlt man sich an die Mai-Revolte erinnert.

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          Es weht ein Hauch vom Mai 1968 durch Frankreich. Die Kultur probt den Aufstand gegen die Corona-Einschränkungen. Vor bald zwei Wochen wurde das „Théâtre de l’Odéon“ in Paris besetzt, eines der Symbole des Studentenaufstands von 1968. Die neuen Besatzer hüllten die Skulptur von Jean Racine in Fahnen der Gewerkschaft CGT, die ihnen Luftmatratzen lieferte und vor dem Besuch von Kulturministerin Roselyne Bachelot für eine Dusche sorgte. Die Debatten der „Vollversammlungen“ dauern bis in die frühen Morgenstunden. Man fordert die Öffnung der Theater und noch viel mehr Geld: „Wir wollen spielen.“

          Kulturministerin Bachelot, die die Aktion als „gefährlich und schädlich“ bezeichnete, hat dem Theater inzwischen einen Besuch abgestattet. Die Regierung versprach weitere Millionen für kleine Theater und zehn Millionen für den Notfonds der freiberuflichen Schauspieler und Bühnenarbeiter. Die CGT-Gewerkschaft tat das als „Brosamen und Almosen“ ab: „Wir brauchen zwanzigmal mehr.“ Bachelot wird zum Feindbild und Sündenbock der Kulturszene, die um ihr Überleben kämpft.

          Mit blutverschmiertem Körper

          Anlässlich der im Fernsehen übertragenen Vergabe der Filmpreise „Césars“ am vergangenen Wochenende wurde die anwesende Ministerin in praktisch jeder Anmoderation und Dankesrede vorgeführt. Man verspottete sie als geizige „Apothekerin“ – die sie einmal war – und Kochbuch-Autorin mit stinkenden „Gorgonzola-Rezepten“. Die Schauspielerin Corinne Masiero zog sich aus, um – Tampons hingen an ihren Ohren – mit blutverschmiertem Körper auf die grassierende Verwilderung Frankreichs zu verweisen. Die Zivilisation ist in Gefahr: „Keine Kultur, keine Zukunft“ hatte sie sich auf den Leib gemalt.

          Es sind Happenings und Slogans wie im Mai 1968. Vom Dach aus rezitierte der Schauspieler Thibault Lacroix ein Sonett von Shakespeare. Die frühere sozialistische Kulturministerin Aurélie Filippetti, Politiker des linken „Unbeugsamen Frankreichs“ und kommunistische Abgeordnete pilgern zu den Besatzern ins „Théâtre de l’Odéon“. Das „Théâtre de la Colline“ wird von Schauspielschülern besetzt.

          Der Funke ist auf die Provinzen übergesprungen. „Bonjour Paris, ici Nantes“: Die Bühnen konferieren über Zoom. In Niort, Straßburg, Pau, Saint-Etienne und weiteren Städten sind Theater okkupiert. In einer Zoom-Schaltung mit den Besatzern gab sich Premierminister Jean Castex kleinlaut und bedauerte, dass für die Freiberufler und Bühnenarbeiter der Urlaub im Fall von Mutterschaft und Krankheit nicht längst „per Dekret“ im Eilverfahren eingeführt worden sei. „Freunde, wir sind noch lange da“, verkündete der CGT-Delegierte nach dem Gespräch mit Castex, an dem auch Bachelot teilnahm. Die Kulturministerin hat für den 22. März den „Nationalrat der darstellenden Berufe“ einberufen. Es ist ein symbolisches Datum: der Tag, an dem 1968 in Nanterre nach monatelangen Protesten und Forderungen die Mai-Revolte begann, die das Land bis zu den Sommerferien lahmlegte.

          Jürg Altwegg
          Freier Autor im Feuilleton.

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