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Beruhigungsmittel : Zahnarztmusik

  • -Aktualisiert am

Musiktherapie auf Krankenschein gibt es nur beim Zahnarzt. Warum? Die Ärzte müssen für die Berieselung der Patienten keine Gebühren bezahlen.

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          Gute Zahnärzte sind Meister der Ablenkung: Sie lassen gewisse Ängste gar nicht erst aufkommen. Dazu müssen sie aber erst einmal die richtige Atmosphäre schaffen, zum Beispiel durch Bilder von M.C. Escher an der Praxiswand. Während man sich noch fragt, wo die Kornfelder in Zugvögel umschlagen, ist - zack! - der Übeltäter schon gezogen.

          Seit einiger Zeit bereits hört man aber auch von einer weiteren Beruhigungsvariante, nämlich der Hintergrundmusik im zahnärztlichen Behandlungszimmer: Musiktherapie auf Krankenschein sozusagen, und das ganz ohne Zuzahlung und ohne die sonst so brisante Ungleichbehandlung von Privat- und Kassenpatienten. Wie der Europäische Gerichtshof in Luxemburg nun klarstellte, müssen die Zahnärzte ihrerseits für diese offenbar vielerorts gängige Berieselungspraxis auch keine Gebühren an die Musikverwertungsgesellschaften abführen, weil die Beschallung einzelner Patienten „keine öffentliche Wiedergabe“ darstelle und diese zudem „unabhängig von ihrem Willen in den Genuss der Musik“ kommen. Man hört der Formulierung bereits an, wie hilflos ausgeliefert dadurch der Patient jenem Helfer ist, der im Volksmund manchmal „Schnauzenschinder“ genannt wird. Man könnte auch sagen: Der Möglichkeit zur Folter sind mit diesem Urteil Tür und Tor geöffnet.

          Einer hat die unselige Assoziation von Feinbohrer und Schicksalsmelodie schon vor Jahren vorausgesehen: Garth, der Kompagnon des Protagonisten in der Kinokomödie „Wayne’s World“, sah sich bei der Musik des Sopransaxophonisten Kenny G. in ein albtraumhaftes Schmirgelszenario im Patientenstuhl versetzt, das nun für viele Menschen Realität werden könnte. Nicht zu unterschätzen ist auch die traumatisierende Kraft solcher musikalisch-schmerzhaften Bohrepisoden, die mit gleichsam proustischer Macht ein Leben lang als „mémoire involontaire“ beim Wiederhören eines Liedes aufblitzen mögen. In einem Internetforum konkretisiert ein Patient diese Angst anhand der Vorstellung, dass ihn etwa das Lied „Under the Bridge“ von den Red Hot Chili Peppers auf ewig an eine Brückenbehandlung erinnern könnte. Wer so etwas vermeiden will, dem steht freilich noch eine andere Möglichkeit offen: Im Fall von „Zahnarztangst“, übrigens einer von der Weltgesundheitsorganisation anerkannten Krankheit, empfehlen gewisse Spezialisten auch eine Zahnbehandlung unter Vollnarkose oder, wie es in der Werbung heißt, „im Schlaf“.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

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