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Berufsleben im „Tatort“ : Büro und Verbrechen

Konferenz: Die Ermittler Batic und Leitmayr aus München Bild: HR/BR/Hagen Keller

Mord und Totschlag sind beim „Tatort“ nur die Folie für ein viel ernsteres Problem: Wie stabilisiert der Beruf das komplizierte Leben der Kommissare? Szenen aus einer halbamtlichen moralischen Anstalt.

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          Warum beherrschen ausgerechnet Krimiserien das öffentlich-rechtliche Fernsehen so sehr, völlig konkurrenzlos, was die Häufigkeit ihres Vorkommens im Programm und die Reichweite ihrer Wirkung angeht? Jeder, der schon einmal einen „Tatort“ gesehen hat, weiß, dass das mit einer womöglich morbiden Grundstimmung in der Bundesrepublik nichts zu tun hat und auch nichts mit einer uneingestandenen kollektiven Lust an Mord und Totschlag. Denn im Mittelpunkt der einzelnen Folgen steht ja gar nicht das Verbrechen. Der „Tatort“ lässt die Zuschauer nie allein mit den Abgründen der verschiedenen Delikte, sondern gebraucht sie nur als Folie, um das eigentliche Thema von allen möglichen Seiten zu beleuchten: das komplizierte Leben der ermittelnden Hauptkommissare und dessen stets neu zu erringende Stabilisierung im Beruf. Kaum verhohlen sind es Büroparabeln, mit denen die durch Gebühren finanzierten Sender da ihrem staatlichen Integrationsauftrag nachkommen. Das diversifizierte Deutschland kann sich in den auf ebenso vielfältige Weise angeschlagenen Existenzen der Polizisten wiedererkennen und von ihnen lernen, wie man sich zwischen inneren und äußeren Konflikten von Fall zu Fall weiterschleppt und dabei nicht verlorengeht.

          Mark Siemons
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Es gibt natürlich auch Arzt-Serien, Nonnen-Serien und Anwältinnen-Serien, und selbstverständlich könnte man sich auch Serien vorstellen, in denen Computerprogrammierer, Journalistinnen oder Kassiererinnen im Mittelpunkt stehen. Die international bekannteste einschlägige Produktion, „Mad Men“, spielte in einer Werbeagentur. Aber erst das Verbrechen, der Ausnahmezustand einer funktionierenden Gesellschaft, gibt der Normalität des Büros das größtmögliche Pathos; es definiert diese Normalität geradezu erst als ihr notwendiges Gegenstück. Die Spannung jedes „Tatorts“ hat daher zweierlei Gründe: die Erforschung beunruhigender gesellschaftlicher Verhältnisse, die die Ermittler stellvertretend für die Zuschauer unternehmen, und die Entdeckung, dass auch die eigene Normalität ziemlich gebrochen ist und, herausgefordert durch den Schrecken draußen, stets aufs Neue um Fassung ringen muss.

          Ein Bild der Verzweiflung im funktional-transparenten System

          Eine Grundvoraussetzung dieser Konstellation wurde schon in der dritten „Tatort“-Folge 1971 durch den Zollfahnder Kressin eingeführt. Er entsprach mit seinem offenen Hemd, seinem Goldschmuck und seiner familiär-sexuellen Ungebundenheit einem zentralen Anforderungsprofil des modernen Beamten und Angestellten: der Pflicht zu einem individuellen, nach Möglichkeit auch kreativen und unkonventionellen Leben, das man dann der das Gehalt zahlenden Institution zur Verfügung stellen kann. Auch das staatliche Gewaltmonopol sollte nicht länger bloß durch kleinbürgerliche Tugend und Lebensverhältnisse repräsentiert werden, für die exemplarisch etwa „Der Kommissar“ im ZDF stand, sondern durch die immer größer werdende Vielfalt der Gesellschaft. Der Druck der Achtundsechziger auf eine größere Öffnung mag da ebenso eine Rolle gespielt haben wie der Wille, die eher traditionellen „Polizeiruf“-Ermittler der DDR mit einem dezidiert freiheitlichen Gegentypus zu konfrontieren.

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